In Amerika wird gerade der Sohn eines kenianischen Immigranten und einer weißen Mutter Präsident, doch in Europa droht die Diskussion über den Umgang mit ethnischen Unterschieden in eine Sackgasse zu geraten. Immer wieder werden Weltbürger und Kleinbürger gegeneinander ausgespielt. Während der eine von einer Welt ohne Grenzen schwärmt, scheint der andere sich in einer Vorstellung von "das eigene Volk zuerst" zu verkriechen. Um einen Ausweg aus dieser fruchtlosen Debatte zu finden, lohnt es, das Beispiel Obamas genauer zu betrachten.

Das erste Mal hörte ich von Barack Obama während einer Großkundgebung illegaler Immigranten in Chicago. Rund vierhunderttausend von ihnen waren am 1. Mai 2006 im Union Park zusammengekommen. Dort machte der junge Senator den Demonstranten Mut. Zugleich aber erinnerte er sie unmissverständlich an die Rechte und Pflichten, die mit der amerikanischen Staatsbürgerschaft verbunden sind. Einige Tage später fasste Obama seine Rede zusammen: "Ich habe betont, dass diese Arbeitnehmer ohne Aufenthaltsgenehmigung, die hoffen, eines Tages US-Bürger werden zu können, begreifen müssen, dass Bürgerschaft eine gemeinsame Sprache, einen gemeinsamen Glauben an das Land, gemeinsame Pflichten und gemeinsame Ziele verlangt." Und er fügte hinzu: "Ich denke, dass sie sich für diesen Weg entscheiden müssen, denn das Wesen dieses Landes ist, dass wir uns in unserer Verschiedenheit zu einem Ganzen vereinen."

Barack Obama repräsentiert den Glauben an das Credo Amerikas. Die Einheit in der Verschiedenheit – E pluribus unum – lautet der eine Teil dieses Credos. Den anderen beschreibt der erste Satz der Unabhängigkeitserklärung: "All men are created equal." Das ist eine Einladung, die Vorurteile der Mehrheit und der Minderheiten kritisch zu hinterfragen und sie zu überwinden.

Wesentlich für die Wirkung von Obamas viel gepriesener Rede über das Verhältnis von Schwarzen und Weißen Anfang März in Philadelphia war, dass er nicht nur nach Worten für die Wut der schwarzen Gemeinschaft in Amerika suchten: "Dieselbe Wut gibt es auch bei Teilen der weißen Gemeinschaft. Die meisten weißen Amerikaner aus der Arbeiterklasse oder der Mittelschicht haben nicht das Gefühl, wegen ihrer Rasse besonders bevorzugt zu werden. Sie machen sich Sorgen über ihre Zukunft, und sie haben das Gefühl, dass ihnen ihr Traum entgleitet. (…) Einfach darauf zu hoffen, dass der Groll der weißen Amerikaner vergehen wird, oder diesen Groll gar als rassistisch zu umschreiben, ohne anzuerkennen, dass er die Folge wirklicher Sorgen ist, ist auch eine Methode, die Kluft zwischen den Rassen zu vergrößern und den Weg zur gegenseitigen Verständigung zu blockieren."

Wenn Integration gelingen soll, müssen wir diesen Punkt anerkennen: Es sind nicht nur die Migranten, die unter der Unsicherheit leiden; es leiden auch diejenigen, die schon in dem aufnehmenden Land lebten, das schließlich kein unbeschriebenes Blatt war, sondern ein Land mit Sitten und Gebräuchen. Auch sie sind in eine Schieflage geraten und müssen versuchen, ein neues Gleichgewicht zu finden. Der amerikanische Soziologe Robert E. Park hat den Zyklus des Verhältnisses von Ethnien zueinander beschrieben. Seiner Ansicht nach verläuft die Entwicklung von Vermeidung über Konflikt zu Akkommodation.

Die Vorstellung hinter diesem Zyklus ist deutlich: Die Migranten neigen anfangs dazu, sich abzusondern. In der nächsten Phase versuchen sie, sich einen Platz in der aufnehmenden Gesellschaft zu erkämpfen, und das führt zu Konflikten. Die Frage, wie man zusammenleben soll, stellt sich unausweichlich, und wenn sie befriedigend beantwortet wird, werden die Nachkommen der früheren Migranten mehr oder weniger problemlos in die Gesellschaft eingegliedert.

Natürlich kann der Verlauf der Migration nicht sauber in Phasen eingeteilt werden, aber es geht hier vor allem um die Feststellung, dass jede Migrationsgeschichte mit Konflikten einhergeht. Das war in Amerika so, und es wiederholt sich heute in Europa. Es ist notwendig, die Reibungen als Teil der Suche nach einem neuen Modus zu betrachten, wie Alteingesessene und Neuankömmlinge miteinander leben können. Der Konflikt hat eine sozialisierende Wirkung, er ist ein Zeichen der Integration. Daher müssen wir die Wut der Migrantenkinder wertschätzen. In ihren Worten verbirgt sich der Ehrgeiz, Teil dieser Gesellschaft zu werden.