Die Nachwirkungen des Kolonialismus und der fortdauernde Einfluss der Imperien auf das postkoloniale Europa beginnen vielerorts zu einem wichtigen Thema der Geschichtsschreibung zu werden. In den vergangenen Jahren ist in diesem Zusammenhang auch das Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte gerade unter jüngeren Historikern stark angestiegen. Der am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz lehrende Sebastian Conrad hat früh auf die Bedeutung der kolonialen Erfahrung für die deutsche Geschichte hingewiesen. In seiner konzisen und gut lesbaren Einführung betont er die Relevanz kolonialer Unternehmungen und Fantasien, welche sich nicht allein auf die drei Jahrzehnte formaler deutscher Kolonialherrschaft eingrenzen lassen. Conrad versteht den deutschen Fall als Teil eines europäischen Projektes, eingebunden in die "koloniale Globalität vor 1914." Er diskutiert anhand einiger Beispiele die Auswirkungen kolonialer Beziehungen auf die betroffenen Regionen in Afrika, Asien und im Pazifik, akzentuiert aber ebenso nachdrücklich die Effekte auf die deutsche Gesellschaft. Abschließend geht Conrad auf koloniale Erinnerungen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein. In der offiziellen Erinnerungspolitik der Bundesrepublik bleibt die koloniale Vergangenheit bis heute weitgehend ausgeblendet. Andreas Eckert

Sebastian Conrad: Deutsche Kolonialgeschichte

C. H. Beck Verlag, München 2008; 128 S., 7,90 €