Die letzte E-Mail lautet: "Lieber Herr Latacz, Ihr Fachwissen ist umfassend, Ihr Überblick beeindruckend; Sie sind ein renommierter Gräzist, ein ausgewiesener Troia-Kenner und Homer-Forscher; und nach so vielen Jahren der Auseinandersetzung bleiben keine Fragen mehr offen."

Joachim Latacz lächelt und steckt den Ausdruck der E-Mail wieder ein. "Damit endete meine Zusammenarbeit mit Raoul Schrott." Anderthalb Jahre hatte er dem Schriftsteller und Komparatisten bei dessen Projekt zur Seite gestanden, die Ilias ins Deutsche zu übertragen. Er war vom Hessischen Rundfunk, dem Auftraggeber der Übersetzung, als wissenschaftlicher Berater engagiert worden. Eine gute Wahl. Kaum jemand kennt Homer besser als Latacz. "Doch bei aller Sympathie", sagt der Gräzistik-Professor, "irgendwann konnte ich nicht mehr." Raoul Schrott machte weiter und sorgt jetzt für Schlagzeilen, weil er all das, was bisher über Homer geforscht wurde, über den Haufen wirft.

Joachim Latacz nimmt einen Schluck Retsina und legt sich ein Stück Tiropitakia auf den Teller, Schafskäse im Blätterteig. Der Gräzist hat zum Griechen gebeten. Wie er da quicklebendig erzählt und schon mal auf den Tisch haut, dass die Gläser klirren, kommt niemand auf die Idee, dass er im nächsten Jahr seinen 75. Geburtstag feiert. Am Alter liegt es jedoch nicht, dass er die Zusammenarbeit mit Schrott aufkündigte. Latacz wurde zwar schon vor sechs Jahren von seinem Lehrstuhl für Griechische Philologie an der Uni Basel emeritiert. Aber er ist der wissenschaftliche Leiter der großen Homer-Ausstellung, die gerade in Mannheim zu sehen ist. Und er gibt den neuesten Ilias-Kommentar heraus. Ein Mammutwerk: Fast jedes Wort der 15693 Hexameter-Verse, aus denen die Ilias besteht, will erläutert sein. Begonnen wurde 1995, Latacz und seine Mitarbeiter hoffen, 2015 die Hälfte, also zwölf der 24 Gesänge, geschafft zu haben.

Experten halten die neue Ilias-Übersetzung für wissenschaftlich wertlos

Es sind andere Gründe: "In ungezählten E-Mails habe ich versucht, Raoul Schrott die Grundlagen altertumswissenschaftlichen Arbeitens nahezubringen", erzählt Latacz, "und ihn zu überzeugen, dass man Homer nicht in heutige Alltags- oder Vulgärprosa übertragen darf." Bei Schrott wird schon mal "gebumst" und derb geflucht: "dem hat doch Zeus ins Hirn geschissen". Für so etwas ist Latacz nicht zu haben.

"Dann ist es ja noch wilder gekommen", lacht der Gräzist beim Griechen. Schrott hat neben seiner Übertragung das Buch Homers Heimat vorgelegt, in dem er behauptet, Europas erster Dichter, über dessen Person so gut wie nichts Authentisches bekannt ist, stamme gar nicht, wie bisher angenommen, aus einer der ionischen Städte Kleinasiens, sondern sei ein Schreiber in assyrischen Diensten gewesen, vermutlich gar ein Eunuch. Und auch die Archäologen, so Schrott, suchten seit Heinrich Schliemann am falschen Ort: Hinter dem Troja der Ilias verberge sich die späthethitische Burg von Káratepe in Kilikien im Südosten der Türkei.

Seither ist es mit Latacz’ Geduld vorbei: Als Schrott in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seine Thesen ausbreitete, bat der Spiegel Latacz um ein Urteil: "Wenn man freundlich sein will, kann man das als eine charmante Plauderei bezeichnen", antwortete der Basler Wissenschaftler. "Ansonsten: eine irrwitzige Phantasterei." In der Süddeutschen Zeitung dann analysierte er auf einer Seite Schrotts "phantasievolle Manipulationen", mit denen dieser argumentiert.

"Wir müssen uns ja wehren!", ruft Latacz aus. Die Gäste an den Nebentischen blicken herüber. Es ist auch kurios: Selbst jene Wissenschaftler, die Schrott als Kronzeugen seiner Argumentation benutzt, winken ab: "Ich glaube nicht, dass Schrotts Thesen in Sachen Homer einen Anhänger finden werden", sagt Walter Burkert, emeritierter Professor für Klassische Philologie an der Universität Zürich. Und Martin West, der berühmte Gräzist aus Oxford, antwortet auf Anfrage: "Nein, Schrotts Buch hat keinen wissenschaftlichen Wert." Trotzdem tourt Schrott durch die Talkshows und Feuilletons und trägt seine Thesen im Rahmenprogramm der Mannheimer Homer-Ausstellung vor. Auch für die neue Griechen-Schau Zeit der Helden in Karlsruhe ist er gebucht.