Gelegentlich luden Kongressveranstalter den vermeintlichen Schwarzseher ein, um die Diskussionen zu beleben. Über seinen Auftritt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2007 etwa schrieb die Neue Zürcher Zeitung: "Einzig Nouriel Roubini spielte im Reigen der Wirtschafts-Optimisten den advocatus diaboli und zeichnete ein eher düsteres Bild." Bereits ein Jahr früher hatte er auf einer Konferenz des Internationalen Währungsfonds vor einem Platzen der Immobilienblase, Erschütterungen auf den Finanzmärkten und einer Rezession gewarnt. Als er das Podium verließ, witzelte der Moderator: "Jetzt brauche ich erst mal einen Drink", und alle lachten. Heute hängt die halbe Welt an seinen Lippen. "Ich muss inzwischen sehr aufpassen, was ich sage", weiß Roubini – ein Satz von ihm kann an den Börsen die Kurse rutschen lassen.

Sein Leben ist jetzt atemlos. Innerhalb einer Woche jettet er von New York nach Budapest, London, Madrid und zurück nach Washington. Finanzminister, Banker und Hedgefonds-Milliardäre lassen ihn einfliegen, der amerikanische Kongress sucht sein Urteil. "Ich versuche, meine Unabhängigkeit zu bewahren und objektiv zu urteilen. Wenn ich vor Hedgefonds-Managern auftrete, muss ich denen sagen können, dass Hunderte von ihnen pleitegehen. Ich kaufe auch keine Einzelaktien, sondern nur Fonds, die automatisch einen Aktienindex nachbilden." Zwischendurch gibt er Interviews, verfasst zahlreiche Kolumnen etwa auf Forbes.com und auf seiner eigenen Website RGE Monitor. Wie schafft er das? Hat er Assistenten und PR-Berater, die für ihn vordenken und vorbereiten? "Nein", sagt Roubini und wirkt geradezu empört. "Die Leute wollen doch hören, was in meinem Kopf ist."

Er spart an Schlaf, nur drei bis vier Stunden gesteht er sich zu, "mein Arzt schimpft mit mir, ich solle mehr Sport machen und mich ausruhen". Keine Chance, solange die Krise andauert. "Roubini ist ein Getriebener", sagt Sandra Navidi, Chefjustiziarin einer New Yorker Investmentfirma, die ihn gut kennt. "Er steckt seine gesamte Energie in seinen Beruf, das ist sein Lebenswerk." Der Ökonom ist nicht verheiratet, hat keine Kinder, nur wenige enge Freunde. Roubini liebt die Autarkie, vielleicht braucht er sie auch.

In der New York Public Library ist ihm kein Stress anzumerken. Roubini wirkt konzentriert und entspannt, redet ruhig mit sparsamen Gesten, wählt einfache Worte. Häufig wandert sein Blick nach oben, verliert sich in der Weite der Kuppel. Der Prophet denkt, während er spricht.

Er spricht über den bedrohlichen Konsumeinbruch in den USA und über die Notwendigkeit eines staatlichen Investitionsprogramms, fordert den Ausbau der sozialen Netze statt eines Rückfalls in Protektionismus, bezichtigt die scheidende Bush-Regierung einer ungesunden Laisser-faire-Politik, die ironischerweise ins Gegenteil umgeschlagen sei: "Heute verhält sich Amerika fast wie einst die Sowjetunion." Er spricht über den Bedeutungsverlust der USA als Supermacht und sagt, dass er den grundsätzlich gut finde: "Wir haben zu lange geglaubt, wir wüssten besser als alle anderen, wo es langgeht. Jetzt müssen wir uns mit anderen Ländern zusammensetzen und einen gemeinsamen Plan entwerfen."

Im nächsten Leben würde er gern Opernsänger werden

Das klingt schon fast staatsmännisch. Tatsächlich spekulieren manche Kommentatoren, ob Roubini ins Kabinett von Barack Obama gehöre. Aber der einsame Wolf Roubini ist kaum der Typ, der sich in Kabinettsdisziplin einbinden ließe. Seine Autonomie ist womöglich das Produkt einer globalisierten Kindheit und Jugend. Roubinis Eltern sind persische Juden. Er wurde in Istanbul geboren und wuchs in Teheran, Tel Aviv und Italien auf. Sein Studium begann er in Jerusalem und wechselte erst nach Mailand, dann ins amerikanische Cambridge. An der Harvard-Universität machte er seinen Doktor, unterrichtete anschließend einige Jahre in Yale. Ende der Neunziger ging er für kurze Zeit in die Politik, als ein wirtschaftspolitischer Berater von Bill Clinton. "Ich habe schon immer hart gearbeitet, nur hinter den Kulissen, das sah natürlich keiner", sagt er. Aber dann gibt er doch zu, dass zwischen der Belastung damals und heute ein Unterschied besteht: "Gegenwärtig ist es zu stressig, selbst für meine Maßstäbe."