Der Kuppelsaal der ehrwürdigen New York Public Library gleicht an diesem Abend einem Mausoleum. Die Beleuchtung ist gedämpft; das Publikum wagt lediglich zu flüstern. Gleich zweimal hintereinander wird der Trauermarsch von Chopin vom Band gespielt, und dann tritt ein Moderator auf, der Franz Kafka zitiert: »Es ist unendlich viel Hoffnung in der Welt, nur nicht für uns.«

Die bizarre Inszenierung ist auf seinen Auftritt zugeschnitten: Nouriel Roubini, Ausnahmeökonom und Krisenstar. Dr. Doom, zu Deutsch Dr. Untergang, nennen sie ihn hier in New York. Es ist ein Ehrentitel. Als einer der wenigen seiner Zunft hat er die gegenwärtige Wirtschaftsmisere kommen sehen. Er hat das Platzen der Immobilienblase vorausgesagt und den Beginn einer Rezession. Er hat gewarnt und gepredigt und seine düsteren Prognosen unbeirrt und standhaft vertreten, als der Mainstream noch gegen ihn war.

»Hat man ihn schon für den Nobelpreis vorgeschlagen?«

Wie üblich steht sein schwarzes Haar widerspenstig in alle Richtungen. Das ist so etwas wie ein Markenzeichen – Roubini signalisiert, dass er Wichtigeres zu tun hat, als auf sein Aussehen zu achten. Der Anzug ist zerdrückt, ein Hemdkragen steht hoch, und seine schwarze Ledertasche ist so verbeult, als würde er sie schon seit 20 Jahren mit sich herumtragen. Seine Fans in der New York Public Library stört das nicht. »Hat man ihn schon für den Nobelpreis vorgeschlagen?«, wispert ein junger Mann mit Bürstenhaarschnitt.

Hat man nicht. Und wird man wohl auch nicht, denn diese Auszeichnung geht vor allem an Wissenschaftler, die sich um die Theorie verdient gemacht haben. Roubinis Ruhm indessen gründet auf praktischer Analyse und auf seiner Treffsicherheit bei der Prognose. Immer wieder hat er das Undenkbare gedacht und überraschend präzise vorausgesagt: den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers. Die milliardenschweren Rettungsprogramme der Regierungen. Die globale Rezession.

Zuletzt hat er für Schlagzeilen gesorgt, als er sagte, die Aktienmärkte seien so achterbahnhaft, dass sich die Aufsichtsbehörden gezwungen sehen könnten, die Börsen für einige Tage zu schließen. »Es klingt radikal, wenn ich das sage, aber die Märkte sind so irrational, dass man einfach nichts ausschließen kann«, erklärt Roubini. Zwar blieb die große Panik bisher aus, doch in Russland und Indonesien musste der Handel bereits mehrfach unterbrochen werden, und an der Wall Street wurde vorübergehend der Handel mit Terminkontrakten ausgesetzt. »Das Schlimmste liegt noch nicht hinter uns«, schrieb er gerade in einem Beitrag für die Financial Times. »2009 wird ein schmerzvolles Jahr mit einer globalen Rezession, einer Deflation und Bankrotten sein.«

Der 50-Jährige ist im Hauptberuf Ökonomie-Professor an der Stern School of Business, die zur New York University gehört. Sein Spezialgebiet sind Finanz- und Wirtschaftskrisen in Schwellenländern. In den neunziger Jahren, im Zuge der Asienkrise, begann er, sich mit dem Thema zu beschäftigen – und erwarb dabei das theoretische Rüstzeug, das ihm half, frühzeitig die Spekulationsblase in den USA zu erkennen. Seine Fähigkeit, internationale und historische Vergleiche zu ziehen, ist das eine – das andere ist seine Unabhängigkeit, seine Chuzpe, auch dann auf B zu bestehen, wenn alle anderen A sagen. Schon John Maynard Keynes habe formuliert, dass es risikoärmer sei, zu irren, wenn alle irrten, erklärt Roubini. Also »sind die anderen eben der Herde gefolgt«.