Fortsetzung des Berichts vom 20. Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden (ZEIT Nr. 50/08). Der Autor, dortselbst in der Jury, dachte sich bei der Vorführung von Duell in der Nacht, daß es ja wohl auf der ganzen Welt keinen einzigen Menschen gibt, dem dieser zähe Quargel gefällt.

Das Licht geht an, und auf einen Schlag lerne ich gleich fünf davon kennen: die übrige Jury. Allein schon, wie die Kamera immer wieder an einem Säulenvorbau mit der Aufschrift POLIZEIPRÄSIDIUM vorbeischlottert. In der Stummfilmzeit wäre das ein Zwischentitel gewesen: MEANWHILE… BACK ON THE RANCH… "Dies war ein Sittengemälde der Berliner Diaspora in Frankfurt. Überall berlinern die Berliner alles voll. Sollen sie doch", quengele ich, "Berlin vollberlinern. Damit man glaubt, daß der Film in Frankfurt spielt, gibt es die kostspielige Hubschrauberfahrt, stets durch Trompete, mal gestopft, mal nicht gestopft, angekündigt. Ein einziges Mal habe ich einen Schreck gekriegt. Da kam die Hubschrauberfahrt ohne vorherige Trompete. Ich war sofort hellwach. Dann ging der Film aber wieder weiter." Das war genau die Art Film, füge ich still hinzu, bei der man den Darstellern sagen möchte: "Könnt ihr vielleicht ein bißchen leiser sprechen? Man versteht hier ja jedes Wort." Alle lieben den Film, um ein Haar bekommt er später den Zuschauerpreis, und mein alter Verdacht beginnt sich allmählich zu verhärten: Ich bin der einzige vernünftige Mensch auf der Welt. Kein schönes Gefühl, wie mir jeder einzige vernünftige Mensch auf der Welt gern bestätigen wird.

Im österreichischen Beitrag, Der schwarze Löwe, ist es nicht der Chorgesang, sondern der Fußball, durch den ein Dorf seine Asylanten liebgewinnt. Sagen müssen wir alle was, und ich melde mich, "solang ich noch frisch verheult bin", als Erster zu Wort. Außer mir kritisieren alle, der Film sei doch reichlich gutgemenschelt gewesen, und der Produzent sagt, der Film basiere auf einer wahren Begebenheit, die sich in Wahrheit noch weit rührseliger zugetragen habe, das zu zeigen hätten sie sich aber nicht getraut. Später dankt er mir für meine Tränen und fragt, an welcher Stelle ich geweint habe. "Am Schluß", sage ich. "Eh klar", sagt er. "Der Schluß ist lang. Wo genau?" "Als der schwarze Löwe nach Nigeria abgeschoben wird, sagt die Frau am Check-in, er habe Übergepäck. Logisch habe er Übergepäck, sagt Wolfgang Bötz, das sei schließlich sein gesamter Besitz. Die Frau tippt auf ihren Computer ein und sagt, ohne die amtliche Miene zu verziehen: ›Doch kein Übergepäck. Ich habe mich geirrt. Kann ja mal vorkommen.‹" Der Produzent blickt wie ein satter Kater.

Einmal erntet Eva Mattes unser aller Bewunderung, als sie eine Schauspielerin lobt, diese sei "gut geführt" gewesen, und dabei schier birst vor Kollegialität.

Zum Schluß kommt ein Tatort -Krimi, und ich erkläre mich für vollends unzuständig: "Seit einigen Jahren wird es mir immer wurschter, wer der Mörder war und warum. Sollen sie sich doch gegenseitig abmurksen, wie sie’s brauchen, und mich damit in Frieden lassen. Meine geliebte Person behauptet, ohne mich nicht fernsehen zu können. Da haben wir den Kompromiß geschlossen, daß sie Krimi kuckt und ich mir den Hinterkopf kraulen lasse, bis ich in Duldestarre falle." Später gesteht mir der Drehbuchautor, daß er bei Krimis auch immer einschlafe, gibt aber zu bedenken, wie vorbildlich aktuelle Themen aufgegriffen und in leicht faßlicher Form volksbildend abgehandelt würden. "Ja, ja, ja", sage ich, "und die Ermittler sind gebrochene Charaktere. Immerhin ein großer Fortschritt gegenüber dem Butler, dem in allerletzter Minute einfiel, beim Servieren des Sherrys einen leichten Bittermandelgeruch wahrgenommen zu haben."

Und ich bin immer noch erkältet.

Vierzehn Filme haben wir gesehen; über zwölf müssen wir befinden. Am liebsten würde ich mein Recht auf Meinungsfreiheit einfordern: das Recht, frei von jeglicher Meinung zu sein, aber nichts da, gemeint muß werden, und tatsächlich finden wir den besten Film (12 heißt: Ich liebe Dich) am besten und bedenken Ihr könnt euch niemals sicher sein mit je einem Sonderpreis für Drehbuch (Eva und Volker A. Zahn) und Darsteller (Ludwig Trepte), diesen allerdings mit der Auflage, in Zukunft etwas grimmiger zu kucken, weil meine…