Mensch, isolier Dich nicht" war ein beliebtes Kabinettspiel im 19. und früheren 20. Jahrhundert. Irgendeine Hauptstadt wurde immer "isoliert", sei’s in einer Balkan- oder Marokko-Krise. Oder beim Wiener oder Berliner Kongress. Das sollte dann schrecklich peinlich für den Isolierten sein. Womöglich wollte dann niemand beim allabendlichen Ball mit ihm tanzen.

Bloß: Das dauerte höchstens einen Walzer lang, und deshalb die frappante Ähnlichkeit mit dem beliebten Brettspiel "Mensch, ärgere Dich nicht", wo die Fortüne bekanntlich im Minutentakt die Seiten wechselt. Der Isolierte am Vormittag war der Isolierer am Nachmittag – ein Spielchen, das hauptsächlich die jeweilige Opposition und die Leitartikler daheim interessierte, damals wie heute, da Angela Merkel als "Madame No", wie es heißt, von der Tanzfläche vertrieben worden sei.

Auch das ist morgen vorbei. Das Spiel hat erst ernste Folgen, wenn nicht isoliert, sondern konspiriert wird – wenn sich dauerhafte Allianzen bilden. Kein Staat hat diese Fährnis je ernster genommen als der moderne deutsche – und dies zu Recht, damals wie heute. Für Friedrich den Großen, der sich im Siebenjährigen Krieg von ganz Europa umzingelt sah, wurde der "Albtraum der Koalition" zum Nationaltrauma schlechthin. Bismarck nannte es die "Kaunitzsche Politik" – nach dem Wiener Kanzler, der die Einkreisung inszeniert hatte.

"Ein französisches Blatt", notierte Bismarck 1877, "sagte neulich von mir, ich hätte le cauchemar des coalitions". Das sei richtig. Dieser "Alb wird für einen deutschen Minister noch lange, und vielleicht immer, ein sehr berechtigter bleiben" (siehe Weltkrieg I und II). Deshalb formulierte Bismarck im Kissinger Diktat das klassische Dogma aller deutschen Politik, das bis heute gilt. Er wollte eine "Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unserer bedürfen, und von Koalitionen gegen uns abgehalten werden". Berlin war sozusagen die Nabe, die anderen bildeten die Speichen, die sich um, aber nie gegen die Mitte gruppierten. Hinzu kam die "Ausführungsbestimmung", wie Bismarck sie dem russischen Gesandten Saburow empfahl: immer "selbdritt" auf dem europäischen Schachbrett sein; das sei die beste Versicherung gegen Koalitionen.

Warum dieser Griff in die deutsche Geschichte? Weil von Bismarck bis Brandt, ja bis Merkel die Anti-Albtraum-Strategie des Eisernen Kanzlers eisernes Gesetz deutscher Politik war: Immer in der Mitte, aber mit den Mehreren. Wer gegen das Gesetz wie Wilhelm II. und Adolf H. verstieß, wurde mit dem Untergang bestraft.

Selbst Gerhard Schröder, der zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik gegen das zweite Gesetz der deutschen Diplomatie ("nie schlechte Beziehungen zu Amerika") verstieß, stellte sicher, dass er zumindest "selbdritt" war, also mit Frankreich und Russland. Kaum Kanzlerin, kehrte Angela Merkel auf den Weg der Gründerväter zurück: nie allein zu Haus (oder nur mit den Wenigen), sondern immer in der Schlüsselposition ("Nabe") innerhalb der größtmöglichen Gemeinschaft. Das hat Berlin diesmal aus unerklärlichen Gründen nicht beherzigt.

Wenn wie am Montag in London das "Selbdritt" aus dem Briten Brown, dem Franzosen Sarkozy und dem EU-Kommissionschef Barroso besteht, dann ist das in der Tat "nicht schön", wie Merkels Rivale (und jetziger Außenminister) Steinmeier notiert. In Paris munkeln sie von "Umzingelung" – links wie rechts. Das Linksblatt Libération nörgelt an ihrem "isolationistischen Kurs", der rechtsbürgerliche Figaro grollt wider das "germanische Europa" (eigentlich ein Winz-Europa mit Warschau und Prag), das unter teutonischem Diktat der Deflation huldige.