Beruflich hat Gert Scobel als Kulturmoderator Karriere gemacht, privat arbeitet er mithilfe seiner Zen-Meisterin an der Erleuchtung. Nun hat er die Welt, die Bundesrepublik und den Bundespräsidenten betrachtet und festgestellt, dass ("trotz allem, was wir erreicht haben") etwas fehlt. Horst Köhler ein Kultur-Weisenrat, uns allen die Weisheit. Was ist Weisheit? Weder Voodoo noch Gutmenschentum, weder esoterisch noch vage, erklärt Scobel, sondern eine überlebensnotwendige Fähigkeit, um die tagtäglichen Komplexitäten wahrzunehmen, zu verstehen und entsprechend zu handeln. Was aber bedeutet "entsprechend"? Weisheit, räumt Scobel ein, sei eben schwer zu definieren, aber leicht zu erkennen. "Weise Menschen gelten als gebildet, friedvoll, gelassen, haben Intuition, Reflexion, Mitleid, sind diskret, sensitiv, nicht wertend, gute Zuhörer, sie können Emotionen verstehen und regulieren."

Sollte der Leser angesichts der geballten Ladung großer Worte verzagen, Scobel weiß Rat. Er durchkreuzt in zehn verschlungenen, überladenen Zickzack-Reflexionen ost-westliche Geschichten und Gegenwarten, zitiert hier einen Mönch, da die letzten Erkenntnisse der Neurowissenschaften, preist den "Willen zur Weisheit", lenkt unseren Blick auf Tautropfen oder "den blauen, weiten leeren Himmel", um schließlich taomäßig paradox zu verkünden: "Die wahre Aufgabe ist die Selbstaufgabe."

Während Hermann Hesses freundlicher Siddharta erkannte, dass man Weisheit zwar erleben und finden, doch weder mitteilen noch lehren könne, lässt Gert Scobel die Leser wissen, dass wir alle die Weisheit lernen, üben und kultivieren können und müssen, um die Welt zu retten. In England werde Positive Psychologie in der Schule eingesetzt, schwärmt der Kulturmoderator, in Heidelberg Glück als Unterrichtsfach gelehrt. Aber er hat weder die englischen noch die Heidelberger Schüler besucht, um uns von ihren Erfahrungen zu berichten. Ist das weise? Oder schlicht unprofessionell?

Der Königsweg zur Weisheit, schreibt er, sei die Meditation. Still sitzen, atmen, nicht denken. Und schon nach etwas mehr als 40000 Meditationsstunden zeigen sich messbare Veränderungen im Gehirn und Verhalten. Ja, wir können die "Leerheit des Geistes" erreichen und uns von der "Quälerei des Leidens an der Welt" befreien, lautet Scobels frohe Botschaft. Und weil es mit dem Weisenrat in Deutschland nicht geklappt hat, arbeitet er jetzt an der Errichtung eines weltweiten Weisenrates. Schließlich gehe es nicht um die Erklärung der Welt, sondern darum, alle Fragen hinter sich zu lassen. Was bringt uns das Buch? Nichts, oder taomäßig gesprochen: "Mu".

Gert Scobel: Weisheit

Über das, was uns fehlt; DuMont Verlag, Köln 2008; 478 S., 24,90 €

Abb.: Kupferstich um 1780; Minvera mit Aegis, Lorbeerzweig und Eule; ©akg-images