Vorübergehend einig ist man sich eigentlich nur, wo sich ein Dritter findet, gegen den man gemeinsam zu Felde ziehen kann, Heidegger natürlich, aber auch "Genossen" wie zum Beispiel Lukács oder Brechts "dumpfe Natur" und der "Märchenerzähler" Ernst Bloch. Mit schöner Regelmäßigkeit wendet man sich auch gegen Walter Benjamin. Doch der "Waltende" ist ein Grenzfall, da sich sowohl Kracauer als auch Adorno ihm bei aller Skepsis auch verpflichtet fühlen, was schon daraus erhellt, dass man sich gegenseitig gern geistige Abhängigkeit vom "Waltenden" vorwirft. Wer sich über die zerstrittene linksintellektuelle Szene zwischen 1925 und 1965 informieren möchte, kommt hier auf den Umwegen des maliziösen Klatsches sehr wohl auf seine Kosten, auch wenn unmittelbar Zeitgeschichtliches überraschenderweise keine große Rolle spielt.

Neben Stil, Kritik, Dialektik und dem rechten Verständnis von Utopie gehört zu den erwartbaren Dauerbrennern der Diskussion auch der Streit um Massenmedien und Kulturindustrie, denen Kracauer als Pionier der Filmwissenschaft sehr viel offener und engagierter gegenüberstand als Adorno. Als er im Zusammenhang mit dessen Prosasammlung Minima Moralia moniert, "Massenkultur erscheint mir als undurchdrungen", zeigt sich Adorno zunächst zu Zugeständnissen bereit, fügt aber sogleich bissig hinzu: "Nur freilich, wenn hier die Dialektik auf die leiseste Nachsicht mit dem Gegenstand hinausläuft, würde ich bockig werden."

Wie sich Kracauers und Adornos Positionen grundsätzlich unterscheiden, war schon vor dem Briefwechsel bekannt. Aber man wusste nicht, welcher Flexibilität, auch Einsicht, die leidenschaftlichen Kämpfer unter dem Druck ihrer virtuosen Debatten fähig waren. So ist man überrascht, dass Adorno noch vor Erscheinen seiner Habilitationsschrift über Kierkegaard, deren Genese hier übrigens ausführlich dokumentiert ist, bekennt: "Ich bin tiefer in theologische Kategorien gekommen, als ich es gewünscht hatte und habe Angst, daß ich bei Rettung und vor allem natürlich Versöhnung zu viel gewiehert habe." Und der Medientheoretiker Kracauer äußert sich verblüffend kritisch über den Rundfunk: "Wer dem Radio den kleinen Finger reicht, ist des Teufels." Was außerdem das Ende der (bürgerlichen) Kunst angeht, so habe es noch "seine gute Weile bis der Kehrichtmann kommt". An den Kehrichtmann der Revolution, an "die Heilkräfte des Umsturzes" glaubt Kracauer schon 1930 nicht mehr: "Beinahe wäre es mir am liebsten, es könnte noch so fortgewurstelt werden."

Wer sich sein Urteil über Kracauer und Adorno schon gebildet hat und sich seinen eigenen Standpunkt in ihrem Streit nur bestätigen lassen möchte, kann sich die Lektüre des Briefwechsels sparen. Wer bereit ist, sich auf Denkbewegungen einzulassen, wird mit Überraschungen belohnt und staunend feststellen, dass Dialektik Passion sein kann. Beides nicht ohne eine gewisse Wehmut.

Denn das gegenwärtige Interesse an Briefwechseln dieser Art verdankt sich kaum allein dem Wunsch der Leser, hinter dem Werk die Person und deren historische Umstände kennenzulernen, zumal ja ein Briefwechsel spätestens mit seiner Publikation dem Werk einverleibt ist. Auch die allzu menschliche Neugierde auf das biografische Detail, besonders wenn es erotisch oder politisch pikant scheint, dürfte die Konjunktur dieses Genres hinreichend erklären.

Aber der Bestand solcher Briefwechsel ist gezählt. Spätestens, wenn sich die nachfolgende Generation allmählich ins Blickfeld schiebt, mit Karl Markus Michel, Peter Szondi, Hans Robert Jauß (den Adorno nach Frankfurt berufen wollte) und Hans Magnus Enzensberger (von dem Kracauer schreibt, er müsse noch "viel lernen und viel verlernen"), merkt man, wie nah und wie fern uns diese Briefschreiber noch und schon sind. Von Enzensberger wird es vielleicht noch einmal Briefe geben, aber in der Generation danach? Der Band erinnert auch daran, was Schreibende und spätere Leser dabei zu verlieren haben könnten.

Eva Geulen ist Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Bonn

Theodor W. Adorno/Siegfried Kracauer: Briefwechsel 1923–1966 "Der Riß der Welt geht auch durch mich"

Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008; 771 S., 32,– €