Ich frage mich, wie lange die Menschen in Simbabwe das noch hinnehmen werden", sagt Morgan Tsvangirai. "Irgendwann ist’s damit vorbei, die Leute werden doch regelrecht in einen Krieg getrieben." Man weiß nicht so recht, ob der Vorsitzende der Oppositionspartei Movement for Democratic Change (MDC) diesen Befund als Drohung oder als düstere Ahnung ausspricht. Er hat ein paar Experten zu einem Hintergrundgespräch getroffen, irgendwo in Berlin, der genaue Ort darf nicht genannt werden. Tsvangirai muss vorsichtig sein, die Spitzel des simbabwischen Präsidenten Robert Mugabe sind ihm auch hier auf den Fersen.

Nachdem der bullige Mann eine Portion Curryhuhn hastig verschlungen hat, schildert er die desaströse Lage in seinem Land. 80 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, nur noch jeder Zehnte hat Arbeit. Die Agrarproduktion ist weitgehend zum Erliegen gekommen, fünf bis sechs Millionen Simbabwer sind von Hunger bedroht. Die Hyperinflation beträgt unvorstellbare 231 Millionen Prozent. In den Städten türmen sich Müllberge, das Kanalisationssystem und die Trinkwasserversorgung sind zusammengebrochen. Neun von zehn Schulen sind geschlossen, in den Krankenhäusern fehlt es an Medikamenten und Personal. Nun sucht auch noch die Cholera das Land heim. 13000 Fälle wurden bislang registriert, 600 Menschen sind bereits gestorben.

Am Ende fasst Morgan Tsvangirai seinen Katastrophenbericht mit einem Wort zusammen: Zairesierung – Simbabwe werde durch den Despoten Mugabe genauso ruiniert wie der Kongo, vormals Zaire, vom Kleptokraten Mobutu. Das Wort verfehlt seine Wirkung nicht. Es führt der versammelten Runde deutlich vor Augen, wie schlimm es um das einst blühende Land im Süden Afrikas bestellt ist.

Eigentlich sollte der MDC-Mann längst Regierungschef in Harare sein, ein im September ausgehandeltes Abkommen sah es so vor: Präsident Robert Mugabe bleibt im Amt, Morgan Tsvangirai wird Premierminister – eine Aufteilung der Macht, um die Selbstzerstörung des Landes zu beenden. Doch der greise Diktator hat diesen Schritt mit List und Tücke verhindert. Nun scheint der Herausforderer mit seinem Latein am Ende zu sein. Er wiederholte lediglich seine altbekannten Appelle an die Europäische Union und die Vereinten Nationen: Erhöht den Druck auf die afrikanischen Bruderstaaten, vor allem auf Südafrika!

Eine zielgerichtete Strategie ist hinter Tsvangirais Ausführungen nicht zu erkennen. Er bestätigt an diesem Abend die Zweifel seiner Kritiker. Einflussreiche Exilsimbabwer wie der Verleger Trevor Ncube haben nie viel von dem im Ausland als Hoffnungsträger gefeierten Mann gehalten. "Ich fürchte, er hat nicht das Zeug dazu, unser Land zu retten." Ein schwerwiegender Vorbehalt, denn er besagt, dass der Niedergang Simbabwes nicht nur dem Machtwahn des Despoten Mugabe geschuldet ist, sondern auch der Schwäche seines designierten Nachfolgers.

Morgan Tsvangirai, der ehemalige Gewerkschaftsführer, ist ein gutmütiger, volksnaher Politiker, aber es fehlen ihm nicht nur Führungsstärke und Charisma, sondern auch ein durchdachtes Zukunftskonzept für sein malades Land. Er hat Südafrikas Ex-Präsidenten Thabo Mbeki, den Krisenvermittler im Auftrag der regionalen Staatengemeinschaft SADC, nie von sich und seiner Mission überzeugen können. "Du kannst Wahlen gewinnen, aber damit gewinnst du nicht die Macht", erklärt Tsvangirai, und es klingt beinahe resigniert. Vielleicht ist dem MDC-Spitzenkandidaten unterdessen klar geworden, dass er seine größte Chance im Juni verspielt hat, als er sich nach der gefälschten Präsidentschaftswahl im März dem Terror des Regimes beugte und nicht zum zweiten Urnengang antrat.

Überdies hat er sich viel zu spät und zu zaghaft um den Beistand afrikanischer Staatsoberhäupter bemüht, um die Präsidenten Nigerias und Botsuanas zum Beispiel, die die Diktatur in Simbabwe scharf verurteilen. Immerhin konnte Tsvangirai einen neuen Verbündeten gewinnen. Der kenianische Premier Raila Odinga sprach aus, was noch kein Regierungschef in Afrika zu sagen gewagt hat: "Es ist Zeit, dass afrikanische Regierungen entschieden handeln und Mugabe stürzen." Namentlich den Südafrikanern empfahl er, ihren Appeasement-Kurs aufzugeben. "Wenn die ihm sagen, er müsse gehen, bleibt ihm keine andere Wahl."