Banker! Um 16 Uhr kommt Bewegung auf am Hinterausgang der mächtigsten Börse der Welt. Ganz konservativ in Mantel und Hut die einen, andere legerer, grüßen sie den uniformierten Wachmann an der Tür, nehmen den Parcours durch den abgesperrten Außenbereich, rennen fast durchs plastiküberdachte letzte Tor, nur raus, heim, wer weiß, wohin. Manche fluchen. "Fuck! Media!" Manche heben abwehrend die Hand. Einer versucht, an einen mitrennenden Freund gewandt, einen Witz. "Deine Paparazzi?" Einer lächelt, einer unter Hunderten. Nur raus. Weg hier.

Dann ist es still um die New York Stock Exchange. Nur die Fahnen klirren im Wind. Ein helles Schlagen ihrer Schnüre gegen die Stangen. Sonst hört man nicht viel. Die Wall Street nach Börsenschluss ist eine einsame Straße. Dicht hängen die Stars and Stripes, die Börse schmückt sich ebenso damit wie BMW of Manhattan, irgendein Lunch-Café.

Der Besucher aus Europa hört das Fahnengebimmel im Dunkeln und hat eine Frage: Wie wird man später über uns reden? Wie wird man die Zeitspanne, die am 11. September 2001 mit einem so ungeheuren Terroranschlag begann und die in diesen Wochen mit einem so monströsen Systemabsturz endet – wie wird man dieses kurze Jahrzehnt einmal nennen, in dem das 20. Jahrhundert sich auflöste, die erstaunlich lange Pax Americana?

Der Besucher ist verabredet. Mit einer Kölnerin, die seit vierzehn Jahren in New York lebt, einen New Yorker heiratete, einen Roman über den 11. September schrieb (Nora), jüngst amerikanische Staatsbürgerin wurde und zum ersten Mal einen amerikanischen Präsidenten wählte, mit der Autorin Pia Frankenberg.

Sie hat eine Überschrift für die Jahre von 2000 bis jetzt: "Die bleierne Zeit". In den ersten anderthalb Jahren von George W. Bushs Präsidentschaft, erzählt sie, habe ihr Bewusstsein sich geweigert, ihn richtig wahrzunehmen. "Erst als er drei Tage nach dem 11. September auf den Trümmern einen armen Rettungshelfer umklammerte, der sich dessen nicht zu erwehren wusste, wurde mir so richtig klar, dass er Präsident war. Und irgendwann saßen wir da und schauten im Fernsehen Shock and Awe." So hieß Bushs Militärschlag gegen den Irak.

Solche Erinnerungen hört man jetzt oft. "Wie abgeschaltet" fühlte sich der typische liberale New Yorker in den acht Jahren unter der Herrschaft des Mars, "wie taub" oder gar "wie im Gefängnis". Für viele endet in diesen stürmisch-euphorischen Wintertagen ein Albtraum von Amerika, und der Amerikanische Traum zeigt sich reborn, wiedergeboren mit einem kennedyhaft jungen, zudem schwarzen Gesicht: Obama.

Natürlich hat Pia Frankenberg ihn gewählt. Sie erzählt von der Nervosität eines New Yorker Freundes am Wahltag, eines Fotografen. "Er war so fertig, er brauchte Kopfschmerztabletten, um die Stunden bis zum Wahlergebnis zu überstehen. Er hatte schon alles vorbereitet für seinen Umzug nach Berlin, falls Obama verloren hätte."