Sie lebte ganz für die Gegenwart, ihre Biografie interessierte sie nicht: Es sei die "allerschwerste, unlösbare Aufgabe, der Nachwelt zu berichten, was man als Zeitgenosse miterlebt hat". Äußere Ereignisse könne man aufzählen bei jemandem wie ihr, "aber nichts über ihre Seele und ihr inneres Leben, und nie ein aufrichtiges Wort. Maßloses Lob, lächerliches Vergleichen mit andern, das ist alles." Das maßlose Lob, in dem ihre Zeitgenossen sie badeten, hatte sie sich hart erarbeitet und die – selbstverständlich vorteilhaften – Vergleiche bewusst herausgefordert. Denn sie war zwar in eine Dynastie hineingeboren worden, "schlug aber aus der Art", wie ein Bewunderer schrieb, und eroberte die unangefochtene Spitzenposition in dem angestammten Beruf. Ein "hundemäßiger Beruf", klagte sie, wenn Erschöpfung, Depressionen, Selbstzweifel sie überkamen und sie mit ihrem harten Schicksal haderte. Aber "man muss sein Brot verdienen, und das habe ich getan".

Das tat sie schon als Vierjährige, und die Sehnsucht nach einem trauten Heim und einem Familienleben, wie sie es nie gehabt hatte, ließ sie ihr Leben lang nicht los. Die Männer, mit denen sie leidenschaftliche Beziehungen einging, waren dazu ebenso wenig geeignet wie sie selbst. Noch nicht zwanzigjährig, wurde sie von einem berüchtigten, wesentlich älteren Casanova verführt, der sie prompt sitzen ließ, als sie schwanger wurde. Der Sohn starb nach der Geburt, und sie wurde schwer krank. Die Ehe, die sie kurz darauf schloss, hielt nur vier Jahre, ihre Tochter musste sie schon bald in Pflegefamilien geben. Am längsten hielt die Liebe zu einem Mann, der ihr Mentor in Bildungsdingen war, denn die Schule hatte sie nie regelmäßig besucht. Ihn konnte sie aber nur sporadisch und in Verstecken sehen, er war verheiratet. Und der berühmte jüngere Liebhaber, für den sie ihr Vermögen, ihre Karriere, ihre Gesundheit aufs Spiel setzte, hatte vor ihr eine Herzogstochter entführt und verließ sie für eine Prinzessin.

"Ich allein muss mein Leben in den Händen halten", erkannte sie schließlich. "Und ich werde auf meinem Platz bleiben. Das Wie ist gleichgültig." Trotz Leid und Krankheit feierte sie an diesem Platz Triumphe, gerade weil es ihr gelang, ihr Selbst dort verschwinden zu lassen. "Sie ist klein, ein bisschen plump, und ihren schweren, trägen Gebärden fehlt die Anmut. Die Nase ist klein und stumpf. Die Wangen hängen schlaff herab, ohne einen persönlichen Zug. Schön darf man sie nicht nennen. Hat sie erst einmal die Bühne betreten: da ist sie schön. Sie ist da auch hässlich – sie ist groß und sie ist klein, sie ist jung und sie ist alt." Wie eine elementare Macht ergriff sie ihr Publikum und sprach in ihrer Muttersprache eine Weltöffentlichkeit an, die sie, ohne ein Wort zu verstehen, unmittelbar verstand. Diese Frau sei menschgewordene Kunst, schrieben Kritiker, und in jeder ihrer Gesten "wird uns die Schönheit und das Weh der ganzen Welt offensichtig".

Wer war's?

Wolgang Müller

Lösung aus Nr. 50:

Audrey Hepburn (1929–1993), eigentlich Edda Kathleen von Hepburn-Ruston, erlebte als Teenager Hungersnot im besetzten Holland und erkrankte als Folge an Gelb- und Magersucht. 1953/54 machten sie die Hauptrollen in William Wylers "Ein Herz und eine Krone" und in Billy Wilders "Sabrina" zum Star