Die CDU hat jüngst auf ihrem Bundesparteitag angeregt, in den Artikel 22 des Grundgesetzes den alarmierenden Zusatz aufzunehmen: Die Sprache der Bundesrepublik Deutschland ist Deutsch. Die Vorsitzende Angela Merkel, auch in diesem Punkt gelassener als ihre Partei, hat dem Vorschlag widersprochen; aber vergeblich. Offenbar ist selbst die Sprache, dieses Merkmal unserer Identität, das man für das allerselbstverständlichste zu halten geneigt war, nicht mehr selbstverständlich, jedenfalls nicht für CDU-Mitglieder.

Das gibt zu denken. Wer weiß, was sonst noch unbemerkt ins Fragliche geraten ist und durch einen Eintrag ins Grundgesetz vor dem Zweifel gerettet werden muss? Der Schäferhund der Bundesrepublik Deutschland ist der deutsche Schäferhund – oder etwa nicht mehr? Der Imbiss der Bundesrepublik Deutschland ist die Bockwurst – oder doch schon der Döner? Nur dass die Kleidung des deutschen Aufpassers die sandfarbene Freizeitjacke ist, bleibt unbestreitbar und muss durch keinen Verfassungsrang gesichert werden.

Die Farben der Bundesflagge, die im zweiten Absatz des Artikels 22 geregelt werden, waren dagegen keineswegs selbstverständlich, als das Grundgesetz formuliert wurde; es hätte auch die schwarz-weiß-rote Fahne werden können oder das Kaninchenfell, das Gottfried Benn nach 1945 für passender und aussagekräftiger hielt. Wenn man aber den sogenannten Stallhasen damals, als er noch massenhaft auf deutschen Balkonen gehalten und zu Festtagen serviert wurde, als Haustier gleich in die Verfassung geschrieben hätte – wie albern hätte das schon zehn Jahre später gewirkt, als es überall nur noch Goldhamster gab! Und selbst wenn die Politiker weitsichtig genug gewesen wären, gleich auf den Hamster oder den Wellensittich zu setzen, dann wären sie doch irgendwann von der Wüstenspringmaus oder dem Meerschwein düpiert worden.

Um eine humorlose Zusammenfassung zu riskieren: Dinge, die allzu transitorisch oder der Mode unterworfen sind, eignen sich nicht für Einträge ins Grundgesetz – genauso wenig wie solche, die als Selbstverständlichkeiten dem Grundgesetz schon zugrunde liegen. Zu ihnen gehören unter anderem die historischen Details, die es überhaupt erst erlauben, von Deutschland zu sprechen. Sie eigens zu betonen hieße, sie schon als verloren anzusehen.

Ob aber die deutsche Sprache zu den Selbstverständlichkeiten oder zum vergänglichen Bestand gehört oder eines Tages vom Englischen, vielleicht sogar vom Türkischen verdrängt werden sollte – das werden die Geschichte und die Zeugungswilligkeit der Bürger erweisen, die im Geltungsbereich des Grundgesetzes leben, das ihnen nun einmal allen gleichermaßen die freie Entfaltung der Persönlichkeit garantiert und nicht etwa nur den CDU-Mitgliedern die Nachtruhe. Noch humorloser gesagt: Verpflichtend kann das Deutsche nur für die Amtssprache festgelegt werden – alles Weitergehende, zum Beispiel die Verpflichtung bayerischer Politiker, schlechter Popsänger oder betrügerischer Manager zum deutschen Sprachgebrauch, geriete in Widerspruch zu anderen, dann doch deutlich höherrangigen Verfassungsgütern. Jens Jessen

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