Die Kleinen können oft noch nicht richtig lesen und schreiben – aber in den Ferien üben sie Englisch: Schon Erstklässler werden neuerdings für Sprachkurse ins Ausland geschickt. Eltern wollen, dass ihr Nachwuchs die Weltsprache so früh wie möglich lernt. "Wir sehen einen klaren Trend zu Sprachreisen für immer jüngere Schüler", sagt Heiner Giese, Vorsitzender des Fachverbands Deutscher Sprachreise-Veranstalter (FDSV). "Die Nachfrage steigt spürbar."

Giese ist Gründer des Bremer Sprachreiseveranstalters Offährte. Er organisiert Sprachcamps für Kinder ab acht Jahren, die allerdings nicht ins Ausland führen, sondern nach Augsburg oder Oberwesel. Einwöchige Ferienaufenthalte sind bei Offährte ab 500 Euro zu buchen, die 20 Stunden Englisch pro Woche werden von deutschen Lehrern erteilt.

Dem bodenständigen Ferienlager von Offährte stellt der Studienreiseveranstalter Studiosus im nächsten Sommer erstmals ein Arrangement für Grundschüler entgegen. Das "First Time Away"-Programm führt in das College Cold Ash, eine Busstunde von London entfernt, wo Sieben- bis Neunjährige in den Sommerferien 32 Stunden pro Woche Englisch büffeln. Zwei bis vier Wochen können Kinder dort verbringen – sofern sich ihre Eltern 2760 Euro für das 14-tägige Basisprogramm leisten können, die Anreise geht extra.

"Hinter diesem Preis steht auch eine entsprechende Qualität", sagt Studiosus-Produktmanagerin Nina Schulz. "In jeder Klasse sind nur sechs bis zehn Schüler." In den Intensivkursen treffen Kinder aus vielen Ländern aufeinander. So bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich auf Englisch zu verständigen. Laut Studiosus eignet sich das Angebot sowohl für Kinder mit ersten Englischkenntnissen aus Schule oder Kindergarten als auch für Sprachanfänger.

Wer seine Sprösslinge noch weiter in die Ferne schicken möchte, wird bei "Do it!" fündig: Bei diesem Veranstalter können schon Siebenjährige an Sommercamps in Ostkanada teilnehmen.

Umstritten ist, ob derartige Feriencrashkurse für Grundschüler pädagogisch sinnvoll sind – oder nur ein weiteres Klötzchen aus dem Baukasten "Wie optimiere ich mein Kind?". Wilfried Bos etwa, Erziehungswissenschaftler und Grundschulexperte, ist skeptisch. "Diese Sprachreisen für Grundschüler sind ein neues Phänomen, zu dem es noch keine Studien gibt", sagt er. "Aus dem Bauch heraus finde ich es bedenklich, Kinder in diesem Alter länger allein ins Ausland zu schicken. Eltern sollten sich fragen, ob sie ihre Kinder damit nicht eher überfordern als fördern."

Sprachreiseveranstalter versuchen, solchen Problemen vorzubeugen. Damit das Heimweh nicht zu groß wird, quartieren sie Grundschüler lieber gemeinsam in Internaten ein als alleine in einer Gastfamilie. "Teilweise finden die Sprachkurse im Klassenzimmer statt, teilweise lernen die Kinder die Fremdsprache aber auch nebenbei im gemeinsamen Spiel", sagt Stephan Schiller, Sprecher des Bundesforums für Kinder- und Jugendreisen. Er empfiehlt Eltern, bei der Wahl des Veranstalters darauf zu achten, dass dieser nach der DIN EN 14804 für Sprachreisen zertifiziert ist oder sich dem "QMJ Qualitätsmanagement Kinder- und Jugendreisen Pädagogische Betreuung" des Bundesforums unterzogen hat.