Pullover

Tillmann Prüfer fragt: Warum tragen Politiker so gern Pullover?

Als noch Sommer war in Deutschland, da gab der Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin das erste Mal in seiner Karriere einen Modetipp. Er sagte, wenn die Energiepreise einmal so hoch sein würden wie die Mieten, empfehle sich ein warmer Pullover. Damit könne man es auch bei Innentemperaturen von 15 Grad mollig warm haben. So sei er auch groß geworden und habe es "überlebt". Bei allem Respekt, genauso sieht Sarrazin aus. Kleidung ist für ihn etwas, das man zum Überleben braucht. Vermutlich würde jemand wie Sarrazin auch nackt durch die Hauptstadt laufen, brauchte man zum politischen Überleben nicht Anzug und Schlips. Deswegen ist der Pullover der Liebling der Politiker. Politiker möchten nicht gut angezogen sein; wenn sie sich einen Moment aus den Zwängen der Öffentlichkeit befreit sehen, laufen sie in Pullis herum und finden sich dabei auch noch unkonventionell. So wird der Grüne Cem Özdemir gern als "deutscher Obama" bezeichnet. Doch während Barack Obama in Anzügen auftritt, die aussehen, als hätte er sie aus der aktuellen GQ ausgeschnitten, bevorzugt es Özdemir, im Rollkragenpullover herumzuschlabbern. Pullover haben etwas Unförmliches und oft auch Unförmiges. Deshalb haben sie es schwer, als ausgehfähig angesehen zu werden. In den fünfziger Jahren wurde der schwarze Rollkragenpullover zum Markenzeichen der Existenzialisten, die mit ihrem humorlosen Look ihre allgemeine Verneinung zum Ausdruck bringen wollten. Davon hat der Pullover sich nie erholt. Er steht für das Praktische, Bequeme – also für das Gegenteil von Mode. Freilich stemmen sich die Designer Winter für Winter dagegen und kleiden die Männer in Pullover, die frei von Alltagsmief sein sollen. Alexander McQueen und Calvin Klein nähen Einsätze in ihre Pullover und schneidern sie eng auf den Leib des Mannes. Bei Burberry hat Christopher Bailey den tiefen runden Ausschnitt für den Mann entdeckt. Was immer noch den Nachteil hat, dass man erkennen muss, dass es ein Designerteil ist, um es modisch zu finden. Wie aber wird ein Pullover zum Trendkleidungsstück? Der Belgier Raf Simons hat eine Idee dazu. Er macht den Pulli unbequem. Für Fred Perry entwarf er eine kleine Kollektion von Pullovern. Manche davon haben Ärmel, kurz wie die von T-Shirts. Gut: Jeder sieht, dass man dieses Teil nicht zufällig trägt. Schlecht: Es hilft nicht gegen steigende Energiepreise.

Foto ––– Peter Langer ZEIT magazin

Nichts für Arme, zeigt dafür die Arme. Mohairpullover von Raf Simons, entworfen für Fred Perry, 295 Euro