Das ZEITmagazin hat zahlreiche Persönlichkeiten nach ihrer persönlichen Bilanz der "nuller Jahre" befragt - jenem kurzen Jahrzehnt, das mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 begann und mit dem Zusammenbruch des Finanzsystems 2008 endet.

ZEITmagazin: Herr Kluge, wir stellen in diesem ZEITmagazin die These auf, dass dieses Jahrzehnt am 11. September 2001 begonnen hat und in diesem Herbst mit der Finanzkrise und der Wahl Barack Obamas endete. Direkt nach den Anschlägen haben wir miteinander telefoniert, so wie jetzt gerade.

Kluge: Ich kann mich beim Telefonieren gut auf das Wesentliche eines Gedankens konzentrieren. Wobei mein Freund Fassbinder, der Regisseur, wenn er noch lebte, sich wundern würde. Er würde sicher sagen: "Das ist doch kein anständiges Geschäftsgespräch! Telefone sind nur für Geschäftsgespräche da!"

ZEITmagazin: In dem Telefon-Interview damals erwähnten Sie das Bild von George W. Bush, der in einer Schule sitzt, als ihm die Nachricht von den Anschlägen von hinten ins Ohr geflüstert wird.

Kluge: Das Bild werden wir alle nicht mehr vergessen. Ich habe mich oft mit der Frage beschäftigt, was sind eigentlich Bilder? Immanuel Kant sagte, wir alle glauben, ein Bild vom Hund zu haben, dabei unterscheidet sich ein Pekinese doch sehr von einem Bernhardiner. Wie kommt es trotzdem, fragte Kant, dass wir behaupten, wir hätten ein Bild vom Hund? Kant begriff: Es ist gar kein Bild. Es ist eine Form von Sprache. Wirkliche Bilder entstehen oft zufällig. Ich habe das bei Dreharbeiten erlebt, als eine Kamera versehentlich nicht ausgeschaltet wurde – und zufällig den Einbruch des Herbstes aufzeichnete. Plötzlich setzt ein Wind ein, die Blätter bewegen sich, es wird kalt.

ZEITmagazin: Mit der Nachricht, die George W. Bush zugeflüstert wird, beginnt ein neues, kaltes Jahrzehnt.

Kluge: Bushs Blick zeigt seine Überraschung, er ist wirklich unverstellt verblüfft. Das spricht in diesem Moment übrigens für ihn. Da mag er vorher Untaten begehen und hinterher Untaten begehen, aber in diesem Moment hat er den Blick eines Kindes.

ZEITmagazin: Am Ende des Jahrzehnts sehen wir ihn vor dem Weißen Haus stehen, neben ihm Barack Obama, den ersten schwarzen Präsidenten der USA.

Kluge: Während Obamas Körpersprache Eleganz und Kraft ausstrahlt, weil er mit sich und mit seinen Gliedern im Reinen ist, sehen wir Bush mit hängenden Armen. Er weiß nicht, was er mit ihnen anstellen soll. Er ist mit ihnen nicht eins. Die Hände sind gar nicht da. Er wirkt mit dieser Körperhaltung in diesem Moment, verzeihen Sie den Vergleich, wie ein Affe. Es ist ja ganz erstaunlich, dass Bush die ganze Zeit von Intellektuellen umgeben war, den Neocons, die ihn beraten haben, wenn auch offenbar falsch. Aber nicht einmal von deren Sinn für Intellektualität hat er profitieren können. Er hat eigentlich nur das Abenteuer der Kriege in sich aufgenommen.

ZEITmagazin: Wie wird Bush mit seinem politischen Erbe umgehen?

Kluge: Er wird es sich nicht verzeihen. Er hat sich ja alle Mühe gegeben, er hatte bis zum Schluss gute Vorsätze, etwa mit seinem Nahostplan, der zu Nikolaus fertig sein sollte. Ach, er ist ein Unglücksmensch, so wie Kaiser Wilhelm II. ein Unglücksmensch war.

ZEITmagazin: Wir reden über die Gegenwart, aber Sie können gar nicht anders, als sich gedanklich durch die Geschichte zu bewegen.

Kluge: Es gibt zunächst unbedeutend erscheinende Ereignisse, die aus der Vergangenheit in unsere Zeit hineinragen. Nennen wir sie Unwirklichkeitsbilder.

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Kluge: Ereignisse, die in einer längst vergangenen Zeit spielen und erst nach Jahrzehnten Geschichte machen. Nehmen Sie Chruschtschow, den Chef der KPdSU, der 1954 aus einer Wodkalaune heraus die Krim an die Ukraine verschenkt.

ZEITmagazin: Die Ukraine gehörte damals zur Sowjetunion, die von der KPdSU regiert wurde.

Kluge: Das war also nicht mal ein Verwaltungsakt, ein Nichts. Knapp vier Jahrzehnte später zerfällt die Sowjetunion. Die Ukraine wird als Staat anerkannt, und die Hafenstadt Sewastopol, Heimat der legendären russischen Schwarzmeerflotte, bleibt Teil der Ukraine. In den nuller Jahren wird aus Chruschtschows Nichts ein Politikum. Da errichtet im Sommer 2008 ebenjene russische Schwarzmeerflotte eine Seeblockade gegen Georgien, und die Frage, ob die Ukraine verhindern kann, dass aus ihrem Hafen russische Kampfschiffe auslaufen dürfen, bekommt eine enorme Brisanz.