Sloterdjik: Seit 1945 gibt es ständig ein Wechselspiel zwischen frivolitätsfördernden und seriositätsfördernden Tendenzen. Früher waren die Tendenzwenden in der Regel etwas milder, jetzt erleben wir einen scharfen Einschnitt, so etwas hat es seit 40 Jahren nicht gegeben.

ZEITmagazin: Sie meinen, jetzt wird’s ernst?

Sloterdjik: Es gibt für Jahrzehnte und Zeitgeister keine Staatsbegräbnisse, aber wenn es sie gäbe, dann würde man jetzt ein Staatsbegräbnis erster Klasse veranstalten für diese sehr erträgliche Leichtigkeit des Seins, für dieses ganze neoliberale Frivolitätssyndrom.

ZEITmagazin: Was gehörte sonst noch zu diesem Syndrom?

Sloterdjik: Ein Leittypus der nuller Jahre ist sicherlich der Kandidat von Castingshows. Einer der konstitutiven Träume der Moderne zeigt sich in ihm ganz besonders deutlich: Man will berühmt werden, allein deshalb, weil man existiert. Die Menschen träumen vom leistungslosen Einkommen, sie wollen reich sein, aber das gratis. Wer bin ich, dass ich arbeiten müsste, um wohlhabend zu werden? Noch mehr träumt man vom leistungslosen Ruhm: Wer bin ich, dass ich etwas können müsste, um eine Celebrity zu sein? Beides kommt bei den Kindern von Prominenten zusammen – wahrscheinlich der repräsentativsten Gruppe dieser Zeit.

ZEITmagazin: Sehen Sie ein bestimmtes Bild vor sich, wenn Sie an die nuller Jahre denken?

Sloterdjik: Ja, den Stapellauf der Queen Mary 2. Sofort hatte ich das Gefühl: Jetzt sehen alle, was los ist. Die Leute wollen zurück in den ganz großen Luxus. Man baut wieder ein Schiff für die ganz Reichen, denen die erste Klasse im Flugzeug zu trivial ist. Ein neues Luxusschiff, das Reiseerlebnisse wie damals verspricht, bevor das Massenzeitalter begann. Die Queen Mary 2 ist das Superartefakt dieser Zeit.