ZEITmagazin: Der Anfang dieses Jahrhunderts: Gibt es Parallelen zu Anfängen anderer Jahrhunderte?

Sloterdjik: Die Welt ist voll von schiefen Parallelen. Aber es fällt doch auf, dass Jahrhundertanfänge öfter von Euphorien und Aufschwungphänomenen begleitet sind, die sich allesamt als nicht haltbar erwiesen haben. Kurz nach 1800 war das so, und auch vor dem Ersten Weltkrieg gab es so ein merkwürdig überreiztes Klima. Sensible Gemüter spürten, dass da etwas in der Luft lag.

ZEITmagazin:  Lassen Sie uns noch über Computer, Internet und Handys reden. Wie halten Sie es damit?

Sloterdjik: Das Internet nutze ich intensiv. Ein Handy habe ich mir nie angeschafft, ich habe keine Lust, ständig auf die Frage zu antworten: Von wo sprichst du? Was mich am Handy interessiert, ist eher die Frage, wie sich die Beweglichkeit der Hand verändert, seit es dieses Gerät gibt. Es sieht so aus, als ob der Daumen zum eigentlichen Arbeitsfinger des modernen Menschen geworden ist.

ZEITmagazin: Es gibt tatsächlich erste Untersuchungen, die behaupten, dass unsere Daumen durch das ewige Simsen größer werden.

Sloterdjik: Sehen Sie! Der Daumen hat den übrigen Fingern den Rang abgelaufen, er ist der große Gewinner dieses Jahrzehnts.

Das Gespräch führten Stephan Lebert und Christine Meffert