Er muss mit dem Schlimmsten rechnen und soll doch positiv denken. Er soll vorsorgen, aber nicht sparen, sondern im Gegenteil die Konjunktur ankurbeln, das Weihnachtsgeschäft retten und die Autoindustrie gleich mit. Die Politik fürchtet seine Panik, und die Unternehmen hoffen auf seine Konsumlust. An seinem Verhalten hängt das Wohl der Volkswirtschaft – denn er hält den Schlüssel für den Aufschwung in seinen Händen. Ganz unverhofft ist der Verbraucher zur heimlichen Hauptfigur dieser Krisenwochen aufgestiegen.

Der Verbraucher? Natürlich gibt es den nicht. Und doch, wenn die Demoskopen aus ihren Befragungen einen Otto Normalkonsumenten als repräsentativen Durchschnitt konstruieren, dann äußert er sich immer gleich: Einerseits hat er von der Krise gehört, da doch allüberall die Banken krachen und die Börsenkurse abstürzen. Andererseits gilt, was der Rentner Heinrich Oelke dem Hamburger Abendblatt anvertraute: "Ich gebe meine Rente aus und spüre keine Krise." In der ersten Runde hat der Finanzmarktcrash vor allem die Reichen getroffen, die Kunden der feinen Banken, die Investoren, die Aktienkäufer. Deren Depots sind geschrumpft. Die Mittelschicht hingegen profitiert eher von den vielen Neueinstellungen in einer Zeit, da die Arbeitslosigkeit so niedrig ist wie seit 16 Jahren nicht. Und die Armen hatten ohnehin nichts zu verlieren.

Auch die Lohnabschlüsse sind ganz passabel, die Inflationsrate ist es ebenso. Und sogar Benzin ist inzwischen wieder billig wie lange nicht. Warum also Urlaubsreisen stornieren oder auf Weihnachtsgeschenke verzichten? Erfreut sieht der Einzelhandelsverband, dass sich die Verbraucher an den Adventswochenenden nicht weniger zahlreich als in den vergangenen Jahren durch die Einkaufszonen schieben. Zwar gibt es hier und da Ärger über das Milliardenpaket für die Banken, den "Spendiersozialismus für die Reichen", wie der Münchner Soziologe Ulrich Beck es kürzlich formulierte. Doch auf den Verbraucherseiten im Internet werden Anlagetipps vor allem durch Witze ergänzt: "Soll ich mein Konto leer räumen? – Nein, das besorgt die Bank schon selbst."

Witze sind vielleicht die beste Reaktion, denn was soll der Verbraucher auch anderes tun – als warten und weiterleben, scherzend oder schimpfend? Berlin lässt ihm dieser Tage kaum eine andere Wahl. Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt vor "schlechten Nachrichten", Wirtschaftsminister Michael Glos beschwichtigt dann wieder: Es gebe "bei Horrormeldungen über die Konjunktur einen regelrechten Überbietungswettbewerb". Dann will er doch Steuersenkungen wegen der Krise. Und auch sonst fehlt es nicht an Vorschlägen, was man ihm, dem geschätzten Verbraucher, zur Hebung seines Selbstwertgefühles so alles schenken könnte: Einkaufsgutscheine, das Ende des Solis, die Senkung der Mehrwertsteuer. Was darf es noch sein? Zugleich werden überschuldete Staatskassen prognostiziert, Arbeitslosigkeit – und wirkungslose Konjunkturprogramme. Die ganz Klugen warnen gar dialektisch: Man solle den Verbraucher beruhigen, statt ihn vor den Folgen der Krise zu warnen, denn sonst werde jener durch Konsumverweigerung genau die Ereignisse auslösen, vor denen er sich fürchte. Wie bitte?

Vielleicht hilft ja der Blick hinüber nach Amerika, wo der künftige Präsident Obama doch so viel Optimismus versprüht. Dort stürmten am Morgen nach Thanksgiving auch in diesem Jahr die Schnäppchenjäger wieder die Kaufhäuser, angefeuert von Sonderangeboten und dem sicheren Gefühl, das Richtige zu tun. Wie in jedem Jahr spielten auch diesmal Millionen bei diesem kollektiven Kaufrausch mit, Krise hin oder her. Vor einem Wal-Mart-Kaufhaus trampelten sie den Türsteher zu Tode – und hatten nach einer Woche sieben Prozent mehr Geld ausgegeben als im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor. Die Politiker in Washington applaudierten glücklich, überzeugt, dass die Probleme der Wirtschaft vom Verbraucher mit genau den Mitteln überwunden werden können, die sie einst ausgelöst hatten: mit Schulden. Schließlich begann die Krise durch unverantwortlichen Konsum, durch vielfachen Hauskauf auf Pump. Mit Shopping auf Pump soll sie nun auch wieder enden.

Dem deutschen Verbraucher ist so etwas fremd. Mit Schulden aus der Krise, in die man durch Schulden gestolpert ist, mit der dritten Kreditkarte die Raten der ersten beiden zurückzahlen – das verhindern schon die Gesetze und wohl auch die Kultur. Der Schwabe steckt in uns allen.

Sicher, auch in Deutschland hat sich der Bürger in den neunziger Jahren gern in den Kunden verwandelt und der Kunde in den König. Als ökonomische Analphabeten lernten wir das kleine Börseneinmaleins, verfolgten den Dax und dachten, da die Rente nun doch nicht mehr sicher war, wohl oder übel immer mehr über private Vorsorge nach. "Du musst gnadenlos sein. Friss oder Stirb. New York, London, Frankfurt, Tokio, weltweit, Optionen, Futures. Bingo, Jackpot…", so warb damals eine Onlinebank. Gelästert wurde über mangelnde Risikobereitschaft und die Sparbuchbesitzer. Und Gier wurde geil.