Das Leben eines Güterwagens ist hart: immer auf Achse! Denn der Waggon, der steht, der bringt kein Geld, sondern nur Kosten. Und die sind im Controlling, also da im Unternehmen, wo das Geld gezählt wird, unbeliebt. Das gilt ganz besonders für die leidgeprüfte Deutsche Bahn AG, die Bewegung braucht, weil sie an die Börse will.

Nun hat die Geschäftsführung der Bahn einen Brief geschrieben an die Mitarbeiter von Railion, ihrer Gütertochter: Acht Prozent ihrer Wagen, heißt es darin, müsse sie aus dem Verkehr ziehen, 170 Kilometer Abstellgleis seien angemietet.

Acht Prozent, das klingt wenig, aber in absoluten Zahlen sind das sage und schreibe 8000 Güterwagen, und 170 Kilometer, das wäre die Entfernung von Berlin nach Dresden. Würde man alle Wagen auf das eine Gleis der Strecke schieben, könnte man ganze zwei Stunden lang mit dem Eurocity am Abstellgleis entlangfahren und Waggons gucken. Ein Fest für Trainspotter!

Übrigens sind zwei Stunden von Berlin nach Dresden nicht gerade wenig, dem schlechten Zustand der Strecke ist’s geschuldet. Im Jahr 1936 war man schon zwanzig Minuten schneller, aber das ist ein anderes Leidensthema der Deutschen Bahn AG.

Und warum müssen die Waggons stillgelegt werden? Nicht etwa, weil die Achsen reißen, wie bei den dringend benötigten ICEs, sondern wegen der Wirtschaftskrise, weil zum Beispiel VW weniger Autos baut, also weniger Stahl per Bahn anliefern lässt, und weil im Hamburger Hafen aus der weiten Welt weniger Container ankommen, die per Bahn weitertransportiert werden wollen. Kurz: Weil in Texas die Amerikaner ihre auf Pump gekauften Häuser…, aber das wissen ja nun alle schon.

Vielleicht haben die Güterwagen auf dem Abstellgleis auch etwas Gutes. Zum Beispiel für jene, die an den Bahnstrecken leben. In den letzten Jahren sind mehr und mehr Güterzüge durch Deutschland gerollt. Und nicht nur das, auf manchen Strecken fahren sie nun schneller, somit auch lauter. Da sorgen die 8000 aufs Abstellgleis geschobenen Güterwagen in manchem Schlafzimmer für etwas Entspannung.

Apropos Abstellgleis. Wo werden denn die vielen Wagen eigentlich stehen? Irgendwo im Brandenburgischen im Wald, hinter Zossen, Jüterbog oder Speremberg? Auf einer der vielen stillgelegten Strecken, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, um dann unter einem Güterwagen Schutz vor Schnee und Eis zu suchen? "Ich glaube, Sie haben das falsch verstanden", heißt es bei Railion. Die Waggons seien ja nicht ausrangiert worden und würden auch nicht verschrottet. Die stünden strategisch günstig dort, wo sie schnell wieder eingesetzt werden können. Die Abstellgleise habe Railion bei der DB Netz AG angemietet, schön über ganz Deutschland verteilt.