Ein Wintermorgen in Hamburg, Schneeregen lastet auf der Stadt. Vom Bahnhof aus hastet ein graues Heer von Büroarbeitern durch die adventsgleißende Mönckebergstraße, tausend Paare schwarzer Schuhe mit festem Schritt und festem Ziel, geradlinig, als schritten sie ein Raster ab, ein Netz aus Lebenssicherheiten, von daheim bis ins Büro gespannt.

Etwas abseits, in jenen dunklen Nischen, in denen die Kaufhäuser ihre warme Luft ausatmen, liegen Decken, Pappen, die sich manchmal regen. Wer kennt ihn nicht, den Schreck, dass das nicht Müll ist, sondern Mensch? Vor Uhren und Juwelen schlafen noch die Obdachlosen, schlafen vielleicht auch nicht mehr, sehen aber keinen Anlass, aufzustehen und abseits des Rasters mit dem Frieren zu beginnen.

In einer Nische dann ein leerer Schlafsack, ein leerer Kaffeebecher, leere Plastiktüten. Und ein Passant, der im Vorübergehen ein verschwörerisches Lächeln aufsetzt und so laut sagt, dass es alle hören: "Ah. Da ist wohl einer ausgezogen."

Was soll das? Was ist das? In Gehässigkeit verpackte Angst ums eigene Glück? Oder die kalte Gnadenlosigkeit eines Mannes, der in seinem Leben noch nichts verloren hat? Hoffentlich hatte er an diesem Morgen, als er aus dem Haus ging, wenigstens seinen Schlüssel vergessen. Henning Sußebach