Ist die Wahrheit den Bürgern nicht mehr zuzumuten? Tagt deshalb ein deutsches Gericht hinter verschlossenen Türen? Die Wahrheit ist: Im August wurde an einer Magdeburger Straßenbahnhaltestelle ein Kunststudent so schwer geschlagen und getreten, dass er an seinem eigenen Blut erstickte; wegen Totschlags angeklagt ist nun der 21-jährige Rechtsextreme Bastian O.; am ersten Prozesstag aber hatte das Gericht nichts Eiligeres zu tun, als die Öffentlichkeit auszuschließen.

Die Wahrheit ist auch: Unsere Justiz versagt regelmäßig bei der Ahndung rechter Gewalt, beliebige Beispiele aus letzter Zeit: In Wernigerode wurde ein Jungrechter wegen Körperverletzung angezeigt, aber erst drei Monate später nach weiteren Angriffen verhaftet. In Erfurt wurde der Prozess gegen einen vorbestraften Schläger aus der Neonaziszene, der dringend verdächtig war, einen Mann totgeprügelt und einem anderen das Gesicht zertreten zu haben, fünf Jahre lang verschleppt, sodass wegen unzureichender Zeugenaussagen nur ein Bewährungsurteil erging. Vor einem Magdeburger Gericht blaffte der Staatsanwalt jene Schauspieler an, die im letzten Herbst nahe dem Theater Halberstadt überfallen worden waren, wie sie denn darauf kämen, einen rechten Überfall zu vermuten – blaffte, obwohl zwei der Angeklagten Hakenkreuztattoos trugen.

Vielleicht möchten Magdeburgs Gerichte sich angesichts solcher Pleiten nicht mehr beobachten lassen. Rechtens ist es zwar, bei begründeter Gefahr für die "weitere Persönlichkeitsentwicklung" eines mutmaßlichen Täters die Öffentlichkeit auszuschließen. Seltsam jedoch ist es, dass der Richter nach Verlesung der Anklage auf diese Ausschlussmöglichkeit hinweist, woraufhin die Verteidiger erst ihren Antrag stellen. Die Opfer rechter Gewalt werden so aufmerksam nie behandelt. Der Berliner Anwalt Sebastian Scharmer sagt, ihm sei in Sachsen-Anhalt "noch kein einziger Fall untergekommen, bei dem nicht grobe Fehler gemacht wurden". Anwälte von Neonazis erhalten über die Akten die Adressen von Zeugen, Staatsanwälte werfen Verletzten Provokation vor, Polizisten lassen Täter nach einer Bluttat laufen – wie jenen Mann in Zerbst, der einem Jungen mit Anti-Nazi-Shirt ein Bierglas ins Gesicht drosch und ein Auge ausschlug.

181 mutmaßlich rechte Gewalttaten wurden letztes Jahr in Sachsen-Anhalt gemeldet, drei Todesopfer mutmaßlich rechter Gewalt gab es im laufenden Jahr. Leider wird die politische Motivation vor Gericht oft ausgeblendet.

Immerhin hat im Fall Bastian O. Magdeburgs Staatsanwaltschaft erwähnt, dass der Angeklagte der rechten Szene angehört. Demonstrativ erschien der zum Prozess in Thor-Steinar-Jacke. Das Gericht machte den Affront komplett, indem es das Publikum ausschloss. Das steht nun draußen vor der Tür und spürt: Rechte Täter müssen dringend vor der Öffentlichkeit geschützt werden, die Öffentlichkeit nicht ganz so dringend vor den Tätern.