Es klingt nach einer Erfolgsgeschichte: "Die Zahl der deutschen Grundschüler, die Englisch lernen, ist stark gestiegen", meldet die Deutsche Presse-Agentur. Seit 2002 habe sich ihr Anteil auf gut 50 Prozent verdreifacht.

Doch zum Jubeln besteht kein Anlass. Denn diese vermeintliche Erfolgsgeschichte illustriert nur, wie schludrig hierzulande noch immer Schulpolitik betrieben wird. Irgendwie kam die Idee in die Welt, dass unser Nachwuchs bessere Fremdsprachenkenntnisse brauche. Dann verbreitete sich die Ansicht, dass man mit dem Erlernen von Fremdsprachen gar nicht früh genug anfangen könne – genährt durch missverstandene Erkenntnisse von Hirnforschern; von Lernfenstern war die Rede, die bei kleinen Kindern offen stünden und sich später schlössen.

Auf dieser Modewelle schwappte der Fremdsprachenunterricht in die Grundschulen. Ohne darüber nachzudenken, dass es ein Riesenunterschied ist, ob Kinder in der Familie en passant eine zweite Sprache lernen oder in der künstlichen Situation des Schulunterrichts. Ohne dass es eine vernünftige Didaktik für frühen Fremdsprachenunterricht gibt. Ohne dass die Grundschullehrerinnen für diese Aufgabe ausreichend qualifiziert sind. Und ohne einen Plan, wie denn der Fremdsprachenunterricht nach der Grundschule auf den sehr unterschiedlichen Vorkenntnissen der Schüler aufbauen soll.

Das ist genau die Art wirkungsloser Pseudoreformen, mit denen die Schulen immer wieder malträtiert werden.

Und die sie von wichtigen Aufgaben ablenken, zum Beispiel, den Schülern das Lesen beizubringen. Man muss zweimal lesen, was Bildungsforscher gerade festgestellt haben: Seit 2001 ist der Anteil des Leseunterrichts am Gesamtunterricht an Grundschulen zurückgegangen. Zurückgegangen! Und das, nachdem spätestens seit der Pisa-Studie jedem klar ist, dass wir hierzulande eine anhaltende Lese-Offensive brauchen, um die Zahl der Nahezu-Analphabeten zu verringern und die Zahl der Spitzenleser zu steigern.

Beim Lesenlernen ist das Problem identifiziert, man weiß, wie und mit welchem Ziel es gelöst werden kann. Auf derartige Aufgaben muss sich die Schule mit Wonne stürzen.

Falls es eines Tages durchdachte Konzepte und gut ausgebildete Lehrerinnen gäbe, dann spräche prinzipiell nichts gegen Fremdsprachenunterricht an der Grundschule, wenn neben dem Lese- und Schreibunterricht, dem Mathematik- und Naturkundeunterricht, dem Sporttreiben und Musizieren noch Zeit bleibt. So wie er heute betrieben wird, ist er reine Zeitvergeudung.