Dort unten wimmelte es von Menschen. Sie schleppten Steine und Kürbisse, knüpften Fischernetze, fertigten Baumwollgewänder, Handtaschen, Schmuck aus Halbedelsteinen. Und wann immer es der zeremonielle Kalender befahl, feierten, tanzten, musizierten sie und folgten den Ritualen und Rauschmitteln der Religion. Die Frauen kämmten ihr langes Haar glatt aus und legten es, in drei Teile geordnet, aber nicht geflochten, über die Schultern. Zählten sie zur Elite, bedeckte eine Mantille die Hälfte des Kopfes. Den Lastenträgern in der Unterstadt fielen Rastalocken über Stirn und Rücken. Männer in der vornehmeren Oberstadt trugen den vorderen Teil des Kopfes rasiert; das hintere Haar glitt an den Seiten hinunter, bisweilen von einem Stirnband gebändigt.

Der Blick von der 30 Meter hohen Hauptpyramide bietet noch heute ein Bild für die Götter. Ihnen war das wuselnde Leben auf der kleinen Hochebene zwischen Felsbergen und Dünen gewidmet. Und von hier oben sollten sie über das Tal bis zu den violett schimmernden Ketten der Anden wachen. Sieben Pyramiden hatten die 3000 Menschen unten im Wüstensand im Umkreis von 66 Hektar errichtet. Sie selbst erschienen darin verschwindend klein. So winzig wie die Tonfiguren, die sie von sich formten und ihren Göttern statt Menschenopfern darbrachten – zum Segen der Archäologen im 21. Jahrhundert.

Jetzt, hier, 26 Kilometer vom Pazifik entfernt, lesen Forscher in den Hinterlassenschaften einer Hochkultur, die älter ist als alles, was man bislang kannte in Amerika. Schicht für Schicht graben sie sich durch die Sedimente früher Siedlungen, deren Ausmaße und Bedeutung noch gar nicht abschließend zu ermessen sind. Ihre Entdeckungen der letzten Jahre haben das Supe-Tal in Peru, aber auch die Nachbartäler – in den Atlanten der Archäologen zuvor wenig beachtete Orte – in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Und zu einer Art Goldrausch mit heftigen Rivalitäten geführt. Denn niemand ahnte über Jahrtausende, dass hier Menschen ihre Sakralbauten errichtet hatten – ein ganzes Zeitalter bevor die spanischen Konquistadoren die gleiche Erde mit Blut durchtränkten. Kann es sein, dass sich die Menschheit seit Jahrhunderten ein falsches Bild vom frühen Amerika gemacht hat, von der Welt? Und damit von sich selbst?

Zwei Geheimnisse behalten die kleinen Tonfiguren aus dieser erst jüngst entdeckten, ältesten komplexen Gesellschaft Amerikas für sich: Warum, bei allen Göttern, haben die Menschen vor 5000 Jahren gerade hier ihre Lager aufgeschlagen, 350 Meter über dem Meeresspiegel, wo Perus Küstenstreifen an das monotone, nur mit Flechten bewachsene Hochland im Regenschatten der sich auftürmenden Anden stößt? Wie konnten sie mit ihren Hämmern aus Granit, Sichelmessern aus Felsgestein und Hirschgeweih-Hacken für den Feldbau ein unscheinbares Flusstal in dieses Tal der Pyramiden verwandeln?

Nur die Sumerer hatten schon größere und prächtigere Städte gebaut

Als ihre Stadt – heute Caral genannt – als Mittelpunkt weiterer 17 Ortschaften am Fluss Supe in Blüte stand, da gab es auf der ganzen Erde erst einen einzigen anderen urbanen Landstrich: Sumer in Mesopotamien. Nur die Sumerer hatten schon größere und prächtigere Städte gebaut. Ägyptens grandiose Pyramiden rückten dem Himmel noch näher als die in Caral, entstanden aber etwas später. Und schon 1500 Jahre vor der Blütezeit der Olmeken (zwischen 1200 und 400 vor Christus) in Mexiko wachten die Administratoren und Priester in Carals Pyramiden über die erste urbane Gesamtzivilisation Amerikas.

Warum aber, das bleibt das zweite Geheimnis dieses archäologischen Krimis, verließen die insgesamt etwa 20.000 Bewohner das Supe-Tal noch auf dem Höhepunkt seiner Prosperität nach gut einem Jahrtausend? Während sich ihr umfangreicher Speiseplan von der Avocado über die Venusmuschel bis zur Zichorie aus den Funden auflisten lässt, fehlen die üblichen Verdächtigen für das Ende von Caral: Krieg, Invasion, Überfall, Aufstand. Es gibt keine Zerstörungen, verbrannten Mauern, Waffen, kriegsversehrten Torsos. Statt Toten beerdigten die Talbewohner ihre Wohnstätten und Pyramiden, füllten sie mit Sand und Kies, bestellten ihr Haus offenbar in aller Ordnung für immer. Der Wind, die Wanderdünen und die Trockenheit schlossen Caral danach für Jahrtausende ab. Bewahrten die allererste ausgedehnte Stadtanlage, die in Amerika bisher entdeckt worden ist, wie in einer Zeitkapsel auf.