Dort unten wimmelte es von Menschen. Sie schleppten Steine und Kürbisse, knüpften Fischernetze, fertigten Baumwollgewänder, Handtaschen, Schmuck aus Halbedelsteinen. Und wann immer es der zeremonielle Kalender befahl, feierten, tanzten, musizierten sie und folgten den Ritualen und Rauschmitteln der Religion. Die Frauen kämmten ihr langes Haar glatt aus und legten es, in drei Teile geordnet, aber nicht geflochten, über die Schultern. Zählten sie zur Elite, bedeckte eine Mantille die Hälfte des Kopfes. Den Lastenträgern in der Unterstadt fielen Rastalocken über Stirn und Rücken. Männer in der vornehmeren Oberstadt trugen den vorderen Teil des Kopfes rasiert; das hintere Haar glitt an den Seiten hinunter, bisweilen von einem Stirnband gebändigt.

Der Blick von der 30 Meter hohen Hauptpyramide bietet noch heute ein Bild für die Götter. Ihnen war das wuselnde Leben auf der kleinen Hochebene zwischen Felsbergen und Dünen gewidmet. Und von hier oben sollten sie über das Tal bis zu den violett schimmernden Ketten der Anden wachen. Sieben Pyramiden hatten die 3000 Menschen unten im Wüstensand im Umkreis von 66 Hektar errichtet. Sie selbst erschienen darin verschwindend klein. So winzig wie die Tonfiguren, die sie von sich formten und ihren Göttern statt Menschenopfern darbrachten – zum Segen der Archäologen im 21. Jahrhundert.

Jetzt, hier, 26 Kilometer vom Pazifik entfernt, lesen Forscher in den Hinterlassenschaften einer Hochkultur, die älter ist als alles, was man bislang kannte in Amerika. Schicht für Schicht graben sie sich durch die Sedimente früher Siedlungen, deren Ausmaße und Bedeutung noch gar nicht abschließend zu ermessen sind. Ihre Entdeckungen der letzten Jahre haben das Supe-Tal in Peru, aber auch die Nachbartäler – in den Atlanten der Archäologen zuvor wenig beachtete Orte – in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Und zu einer Art Goldrausch mit heftigen Rivalitäten geführt. Denn niemand ahnte über Jahrtausende, dass hier Menschen ihre Sakralbauten errichtet hatten – ein ganzes Zeitalter bevor die spanischen Konquistadoren die gleiche Erde mit Blut durchtränkten. Kann es sein, dass sich die Menschheit seit Jahrhunderten ein falsches Bild vom frühen Amerika gemacht hat, von der Welt? Und damit von sich selbst?

Zwei Geheimnisse behalten die kleinen Tonfiguren aus dieser erst jüngst entdeckten, ältesten komplexen Gesellschaft Amerikas für sich: Warum, bei allen Göttern, haben die Menschen vor 5000 Jahren gerade hier ihre Lager aufgeschlagen, 350 Meter über dem Meeresspiegel, wo Perus Küstenstreifen an das monotone, nur mit Flechten bewachsene Hochland im Regenschatten der sich auftürmenden Anden stößt? Wie konnten sie mit ihren Hämmern aus Granit, Sichelmessern aus Felsgestein und Hirschgeweih-Hacken für den Feldbau ein unscheinbares Flusstal in dieses Tal der Pyramiden verwandeln?

Nur die Sumerer hatten schon größere und prächtigere Städte gebaut

Als ihre Stadt – heute Caral genannt – als Mittelpunkt weiterer 17 Ortschaften am Fluss Supe in Blüte stand, da gab es auf der ganzen Erde erst einen einzigen anderen urbanen Landstrich: Sumer in Mesopotamien. Nur die Sumerer hatten schon größere und prächtigere Städte gebaut. Ägyptens grandiose Pyramiden rückten dem Himmel noch näher als die in Caral, entstanden aber etwas später. Und schon 1500 Jahre vor der Blütezeit der Olmeken (zwischen 1200 und 400 vor Christus) in Mexiko wachten die Administratoren und Priester in Carals Pyramiden über die erste urbane Gesamtzivilisation Amerikas.

Warum aber, das bleibt das zweite Geheimnis dieses archäologischen Krimis, verließen die insgesamt etwa 20.000 Bewohner das Supe-Tal noch auf dem Höhepunkt seiner Prosperität nach gut einem Jahrtausend? Während sich ihr umfangreicher Speiseplan von der Avocado über die Venusmuschel bis zur Zichorie aus den Funden auflisten lässt, fehlen die üblichen Verdächtigen für das Ende von Caral: Krieg, Invasion, Überfall, Aufstand. Es gibt keine Zerstörungen, verbrannten Mauern, Waffen, kriegsversehrten Torsos. Statt Toten beerdigten die Talbewohner ihre Wohnstätten und Pyramiden, füllten sie mit Sand und Kies, bestellten ihr Haus offenbar in aller Ordnung für immer. Der Wind, die Wanderdünen und die Trockenheit schlossen Caral danach für Jahrtausende ab. Bewahrten die allererste ausgedehnte Stadtanlage, die in Amerika bisher entdeckt worden ist, wie in einer Zeitkapsel auf.

Heute wuseln wieder Menschen im Wüstensand. Schleppen Steine, stemmen Felsbrocken, tragen schwer. Wie vor Jahrtausenden. Wer die Terrassen der Hauptpyramide heruntersteigt und über die Arena des vertieften, runden Zeremonialplatzes zu den Ausgrabungen an den anderen Pyramiden hinübergeht, trifft auf behelmte, vermummte Gestalten, die Imkern ähneln. Selbst diesen Männern und Frauen setzen die brennende Sonne und der Sandstaub zu, obwohl sie aus dem heute wieder bitterarmen Tal stammen.

Die Männer stehen in Schächten, klauben Geröll in Blechkanister, mit denen sie aus den Gruben – rituellen Räumen oder Festsälen vor Jahrtausenden – zu ihren Schubkarren klettern. Jede Schubkarre hat von ihrem Besitzer einen Namen bekommen: Raúl und Freddy, Vega und Sumer, Anibal, Abraham und Moises.

Doch Moises, Moses, kam nicht bis Caral. Es war Ruth, die das peruanische Volk und deren zumeist gleichgültige Regierungen durch diese Wüste an eine der ältesten Stätten menschlicher Zivilisation führte – Ruth Martha Shady Solís mit vollem Namen. Eine Archäologin von der San-Marcos-Universität in Lima, die mit ihrer Neugier anfangs allein war und 1994 ohne jede Unterstützung die ersten eigenen Spatenstiche im Supe-Tal wagte. Die Tochter eines Prager Juden, der einst – wie Egon Erwin Kisch in Mexiko – vor den Nazis in Peru Zuflucht fand. Und die Tochter einer peruanischen Mutter, die Ruth einen Schuss Indianerblut vom Stamm der Aymara vererbte.

Ruth Shady balanciert über die freigelegten Mauerteile einer Pyramide. Mit ihren hellblauen Jeans, der weißen Bluse und dem breitkrempigen Strohhut sieht die 1946 im peruanischen Callao geborene Frau gut und gern 20 Jahre jünger aus. Sie setzt sich auf einen Felsbrocken, macht Notizen, überlegt, wirft Steinchen in Hohlräume. "Wohin führt dieser Tunnel?", fragt sie wie im Selbstgespräch. "Und wo geht die Terrasse weiter?"

Die jungen Archäologen, Anthropologen, Architekten, Soziologen und Studenten – Männer und Frauen in etwa gleicher Anzahl – antworten, vermuten, berichten. Jeden Donnerstag kommt die heutige Institutsdirektorin aus Lima ins Supe-Tal und inspiziert bis Sonntagmittag alle Ausgrabungen. Sie ist eine rastlose Anstifterin. Ihre sanfte Stimme kann abrupt den Tonfall wechseln, fordernd und bestimmt werden. Doch hätte sie nicht gelernt, streng und schroff zu reagieren, Konfrontationen auszuhalten, selbst auszuteilen, lägen diese frühen Werke der Menschheit in Altamerika wohl noch unter Sand und Geröll begraben. Und es ist nicht das gelegentlich selbstherrliche Auftreten, sondern das unbeirrbare soziale Engagement für ihre Mitarbeiter ebenso wie für die Bevölkerung im Umland der Fundstätten, das die Archäologin zur unangefochtenen Herrscherin im Tal der Pyramiden gemacht hat.

Tonfigur eines betenden Mannes © ZEIT Grafik/Quelle: Ruth Shady

Das war nicht immer so. Ruth Shady hat Caral ja nicht entdeckt. Der deutsche Archäologe Max Uhle brachte das Supe-Tal 1905 in die Fachliteratur ein. Er begann Ausgrabungen in Áspero, einer damals noch nicht genauer datierbaren Fischersiedlung aus der Zeit Carals an der Mündung des Supe-Flusses in den Pazifik. 1940 machte der Kulturgeograf Paul Kosok bei seinen Flügen über die Küstentäler verblüffende Luftaufnahmen von Caral. Die Archäologen waren erstaunt über die vielen verborgenen Plattformen und runden Zeremonialplätze. Doch diese Konstruktionen glaubte man schon aus der alten Orakelstadt Chavín de Huántar weiter im Norden zu kennen. Die Chavín-Kultur, die seit gut einem Jahrtausend vor Christi Geburt mit Metall wie Kupfer, Gold und Silber umging und bedeutende Keramikprodukte und Steinskulpturen hervorbrachte, galt noch unumstößlich als Mutterkultur Perus. Niemand konnte sich eine präkeramische Zivilisation am Fuße der Anden vorstellen.

Nur Ruth Shady ließ der Widerspruch zwischen dem enormen Umfang der verborgenen Monumente und dem Fehlen jeglicher eindeutiger Funde der Chavín-Kultur keine Ruhe. Die Archäologin begann, sich im Supe-Tal buchstäblich einzugraben. Selbst das Benzingeld bezahlte sie aus eigener Tasche, wenn sie mit ihrem betagten VW Käfer aus der verstopften, abgasverseuchten Neunmillionenmetropole Lima zum Tal der noch schweigenden Frühzeit zuckelte: 182 Kilometer nordwärts über die Panamericana und weiter in den eigenen Staubfahnen über die Wüstenpisten.

Im letzten heilen Mauerwinkel einer zerfallenen bäuerlichen Lehmhütte schlugen die Professorin und ein paar Studenten damals ihr Biwak auf. Mit einer Zeltplane schützten sie sich vor der Sonne, kochten auf einer Feuerstelle und krochen nachts in Schlafsäcke. Shady und ihre Helfer schaufelten, siebten, sonderten immer kostbarere Funde aus. Nachts zeichneten sie ihre Entdeckungen und Schlussfolgerungen beim Schein der Petroleumlampe auf.

Früchte wurden gehandelt, die Europäer erst nach Kolumbus kennenlernten

Je weiter sie in die Zeitkapsel eindrangen, desto staunender standen sie vor Tempeln und Amphitheatern Carals, die ein exakt vermessenes und verbundenes Ensemble bildeten. Shadys Team, dem sich inzwischen auch faszinierte und befreundete Fachleute anschlossen, gewann immer mehr Einblicke in das ganze System einer Hochkultur, die gleich mehrere Jahrtausende vor Kolumbus existiert haben musste. Die architektonische Anordnung der Gebäude, ihre klar erkennbare Ausrichtung auf religiöse, zeremonielle, administrative, wirtschaftliche und berufliche Funktionen ließen nur einen Schluss zu: Das alles konnte nicht ohne präzise Stadtplanungen vor Baubeginn gewachsen sein.

Die Pyramiden, die mit ihnen verbundenen Wohnstätten, Tempel und Plätze hatten ihre Erbauer in die Wüste gesetzt – die 25 Meter tiefer gelegene Oase, die als schmales grünes Band bis heute die Ufer des Supe säumt, diente allein dem Ackerbau. Doch der Fluss führte nur während der kurzen Regenzeit im Hochgebirge Wasser, dann allerdings manchmal in reißendem Überfluss. Während der übrigen Zeit trocknete er fast aus. Für intensive Bodenbearbeitung bot diese Umgebung anfangs keine Chance. Aber die Siedler lernten, wie Shady herausfand, ihr eigenes Bewässerungssystem ohne alle Vorbilder zu entwickeln. Eine gewaltige Leistung; denn während die Sumerer ihre Kanäle durch eine flache Landschaft ziehen konnten, galt es hier, etliche Höhenunterschiede zu überwinden.

In Caral kam viel von dem auf den Markt, was die Europäer erst nach Kolumbus kennenlernten und was ihre nördlichen Regionen überhaupt erst in jüngerer Zeit zu goutieren wissen: Guaven und Avocados, Süßkartoffeln und eine Frühform von Zucchini, Auberginen und Paprika, dazu Bohnen, Kürbissorten, Pfeilwurz für Mehl. Reichhaltiger noch und zunächst auch rätselhaft waren die Reste konsumierter Meeresfrüchte. Wer heute durch die Stadt der Götter geht, glaubt an der See zu sein, so viele Muschelsplitter und Gehäuse anderer Schalentiere knirschen unter den Schuhen.

Dabei lag der Pazifik auch in der Blütezeit Carals rund 26 Kilometer entfernt. Seit das Team den Sand zu sieben begann, hatten sich von Anchovis und Sardinen über Schellfisch und Plattfisch bis zu Knurrhahn und Meeräschen die Reste von mehr als zwanzig Fischsorten finden lassen. Es blieb nicht bei kleinen Fischen. Shadys Crew kam auch dem Weißen Hai auf die Spur, fand Seelöwenknochen und stieß schließlich in der Galerie-Pyramide, dem drittgrößten Bau, auf 25 Wirbel von mindestens vier Blauwalen. Sie waren poliert und hatten als Sitze gedient.

Was in Caral fehlte, waren Fischfanggeräte. Dafür hatten andere Archäologen schon früher an Fundstätten nahe der Supe-Mündung in den Pazifik neben Angelhaken aus Muschelschalen oder Knochen bis zu 8 mal 4 Meter große Netze aus Baumwollfasern entdeckt. Dazu passte, dass oben im Tal immer mehr Baumwollsamen ganz verschiedener Naturfarben in den Sieben hingen.

Ruth Shady machte eine weitere Entdeckung: Nicht die Feldfrucht, sondern Baumwolle war das Hauptprodukt der Bewässerung. Sie wurde zum frühen Gold dieser Urahnen der Inka. Textilien, Baumwollfasern und Holz gingen an die Küste für die Binsenboote, Ruder und Netze der Fischer, auch Kürbisse, die sich als Schwimmer an den Netzen fanden. Dafür kam das Protein aus dem Meer zu den Bauern herauf. "Dieser intensive und ständige Austausch zwischen den Regionen, zwischen Fischern und Farmern", sagt die Archäologin, "schuf eine suprakommunale Sphäre, deren Aktivitäten sich in andere Hochland- und Dschungelgebiete ausbreitete."

Ihre Entdeckungen bestätigten auch Erkenntnisse, die zuvor deutsche Archäologen Anfang der achtziger Jahre im Casma-Tal rund 100 Kilometer weiter nördlich gewonnen hatten. Dort war ein deutsch-peruanisches Team auf Anzeichen dafür gestoßen, dass es in dieser Region schon vor der Chavín-Kultur große Bauten gab. Doch diese Schlussfolgerungen wurden seinerzeit noch mit großer Skepsis aufgenommen. Inzwischen haben dort Archäologen der Freien Universität Berlin unter Leitung von Peter Fuchs Überreste eines sogar 5500 Jahre alten Sakralgebäudes ausgegraben.

Die Stadterbauer des Supe-Tals und der angrenzenden Täler handelten auf sich allein gestellt und ohne Vorbilder. Die anderen, etwa altersgleichen Geburtsorte menschlicher Zivilisation – die Heimat der Sumerer an Euphrat und Tigris ebenso wie das Nildelta – wuchsen durch wechselseitige Inspiration. Zwischen Indien, Mesopotamien, Ägypten verlief ein – für die damals bekannte Welt – geradezu globaler Austausch von Ideen und Waren. Für Caral galt, was Ruth Shady formuliert hat und was der Besucher noch heute mit allen Sinnen zu spüren glaubt:

"Im Zentrum ihrer Ansiedlung konnten die Bewohner nur den blauen Himmel wahrnehmen, die Wohnsitze ihrer Götter und die steinernen Bergränder, die ihre Stadt einschlossen, fern vom irdischen Lärm der Tagesarbeit am Grunde des Tales. Die Anlage der pyramidalen Gebäude, dem Umriss der Berge folgend, scheint dem Streben seiner Schöpfer zu folgen, das Werk der Götter fortzusetzen. Die Männer und Frauen unten auf den Feldern blieben zurück wie das sumpfige Stück Land und die Uferböschungen. Oben in der heiligen Stadt aber schritt die Spezialisierung immer weiter voran."

Die Werke der Götter in einen urbanen Organismus umzupflanzen – wann gelang das "oben" im Norden, jenem Teil der Welt, der sich einmal Europa nennen sollte? Die spätarchaische Zeit, in der Caral blühte, fiel dort zwischen die ältere Stein- und die jüngere Bronzezeit. Es gab ein paar Häuptlinge. Ein paar gewaltige Einzelleistungen. Stonehenge. Die Großsteingräber der Megalithkultur. Von städtischer Zivilisation jedoch fehlte jede Spur. Es dauerte noch fast zwei Jahrtausende, bevor die Siedlungen der Kelten um etwa 800 vor Christus einen urbanen Charakter annahmen.

Die späteren Europäer haben allerdings – urbi et orbi – die Entwicklung genau umgekehrt gesehen. Selbst ihre großen Geister billigten Amerika und seiner indigenen Bevölkerung überhaupt keine eigene Geschichte zu – bevor Kolumbus am 12. Oktober 1492 auf den heutigen Bahamas gelandet war. Papst Benedikt XVI. pflegt noch heute den Glauben, dass die Uramerikaner bis zur Ankunft der Spanier über Jahrtausende in einem perspektivlosen Wartestand lebten. Für sie, so erklärte er im Mai 2007 auf der lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Brasilien, "hieß es, Christus kennenzulernen, ihn aufzunehmen, diesen unbekannten Gott, den ihre Vorfahren, ohne ihn zu kennen, in ihren vielfältigen religiösen Traditionen gesucht haben. Christus war der Retter, an den sie sich sehnsüchtig wendeten."

Josef Ratzinger hat da vergleichsweise noch mitfühlende Milde walten lassen. Für Goethe hatte die indigene Bevölkerung in Mimik und Tanz "große Ähnlichkeit mit den Affen". Immanuel Kant, der Königsberger Moralist, befand in seiner "Menschenkunde oder philosophischen Anthropologie" über die Ureinwohner kategorisch: "Das Volk der Amerikaner nimmt keine Bildung an. Es hat keine Triebfeder… Sie… sorgen auch für nichts und sind faul." Der Zyniker Hegel hatte sein Ohr ganz am Puls der Zeit des eurozentrischen Rassismus: Die "Wälder Brasiliens" hallten ihm wider von "fast unartikulierten Tönen entarteter Menschen".

Amerika, lange Kontinent der Wilden? Die Ausgrabungen widerlegen dies

Was Päpste, Dichter, Philosophen noch mehr oder weniger anerkannten, waren die mesoamerikanischen Hochkulturen der Olmeken, Maya, Azteken und das Inkareich mit seinem Zentrum im heutigen Peru. Doch inzwischen haben Satellitenaufnahmen und verfeinerte Bodenuntersuchungen mithilfe von Pollenanalysen Ausgrabungen von frühen Metropolen, Stadtstaaten und ganzen Reichen gestützt, die den Inkaherrschern längst vorausgegangen waren. Tiwanaku nahe dem Titicacasee hoch in den Anden oder Wari konkurrierten mit bis zu sechsstöckigen Wohnbauten, monumentaler Pracht und Macht und Zehntausenden von Einwohnern – eine Bevölkerungsdichte, die Paris oder London erst Jahrhunderte später erreichten.

In den Tagesnachrichten gehen die Meldungen unter, die viele bislang gültige Erfindungen jetzt jenen Völkern zuschreiben, die laut Kant keine Bildung annahmen. Um nur eine dieser unauffälligen Notizen festzuhalten: US-Wissenschaftler haben kürzlich entdeckt, dass die begehrte Tahiti-Vanille, der teure Rohstoff zur Parfümherstellung, zuerst von den Maya durch die Kreuzung zweier wilder Vanillesorten für die Verfeinerung von Schokolade entwickelt wurde. Fügt man all das zusammen, was heute präzisierte Radiocarbondatierungen und Molekularbiologie, Genetik und Botanik der Archäologie und Anthropologie an Erkenntnissen zuliefern und nachgereicht haben, lässt sich durchaus sagen: Amerika wird jetzt zum zweiten Mal entdeckt.

Einen entscheidenden Anstoß dafür gab – trotz aller modernen Technologie – Ruth Shadys Alleingang nach Caral, ohne alle Forschungsmittel, nur aus professioneller Überzeugung. Nachdem sie ihre ersten Erkenntnisse einer staunenden Fachwelt präsentiert hatte, begann zwar ein Wettlauf und Grabenkampf um die neu entdeckte Wiege der Zivilisation an der Pazifikküste. Doch Henning Bischof, früherer Direktor der Völkerkundlichen Sammlung der Stadt Mannheim, der seit 1958 immer wieder in Peru als Archäologe und Völkerkundler arbeitete, sieht Shadys Ruhm durch weitere Einzelfunde anderer Kollegen in der Region keineswegs geschmälert:

"Die Entdeckungen in Caral und im Supe-Tal zeigen so großflächig wie nirgendwo sonst in jener Zeit die Bündelung gesellschaftlicher Kraft zu einem übergeordneten Zweck. Hier entsprang die Quelle einer wohlorganisierten Gemeinschaft, die etwas Monumentales schuf, das zunächst dazu dienen sollte, die Gunst der göttlichen Mächte zu sichern. Denn von ihnen fühlten sich die Menschen in der stets von Naturkatastrophen bedrohten Welt der Anden abhängig. Doch diese gemeinsame Anstrengung bewirkte gleichzeitig eine Zusammenführung der Gesellschaft, die für den weiteren Weg der altperuanischen Kultur entscheidend war. Ruth Shadys Arbeit ist deshalb nicht hoch genug einzuschätzen. Sie hat den Archäologen die Augen geöffnet für diese früheste Entwicklungsphase."

Besonders zwei Augenpaare richteten sich auf die Peruanerin, als sie 1999 in Chicago einen Vortrag über ihre Entdeckungen hielt. Jonathan Haas, Archäologe des Field Museum of National History Chicago, und seine Partnerin Winifred Creamer von der Northern Illinois University boten Shady an, mit Radiocarbondatierungen zu helfen. Da Perus Regierung für ihre Arbeiten noch immer wenig übrig hatte, ließ sie den Amerikanern verschiedene Proben zukommen. Als die Datierungen ein sensationelles Alter von bis zu annähernd 2750 Jahren vor Christus ergaben – inzwischen gibt es noch älteres Material –, baten Haas und Creamer die Kollegin um einen Aufsatz. Die Welt, so ließen sie sinngemäß wissen, müsse von Caral erfahren. Guten Glaubens schickte die Archäologin ihren Beitrag.

Der erschien auch in dem hoch angesehenen Wissenschaftsmagazin Science. Nur hatte er plötzlich drei Autoren: Haas und Creamer hatten sich einfach neben Shady dazugesetzt. Für den nichteingeweihten Leser war damit ein Entdecker-Trio am Werk gewesen. Obendrein hatte der Name von Haas noch einen Stern erhalten, der auf dessen E-Mail-Adresse verwies: Dorthin sollte alle Korrespondenz gehen.

So entbrannte um die Stadt Caral, die erste Zeugin der Zivilisation in Amerika, die obendrein so friedvoll wieder aus der Geschichte verschwand, ein zeitgemäßer kalter Krieg um Prestige. Mit öffentlichen Beschuldigungen, Plagiatsvorwürfen und schließlich auch Beschwerden peruanischer Repräsentanten an die Adresse Washingtons. Denn Haas und Creamer verhielten sich auch weiterhin ganz nach jener politischen Gutsherrenart, mit der die US-Regierungen im 20.Jahrhundert rund 40 Interventionen in ihrem lateinamerikanischen Hinterhof unternahmen.

Dabei hatte Haas plagiatorische Selbstbedienung gar nicht nötig. Er arbeitete schon seit Jahren an archäologischen Erkenntnismerkmalen für die Entstehung des Staatswesens und hatte damit durchaus Anerkennung gefunden. Nun aber stand er so nahe am Heiligen Gral einer bis dahin unbekannten, vorstaatlichen Zivilisation, die aus einem so schmalen, von Hochland eingeschlossenen Tal aufgestiegen war. Hinzu kam der notorische Erfolgsdruck auf amerikanische Archäologen nach dem Motto "publish or perish" (Bringe etwas heraus, oder gehe unter). All das brachte Haas offensichtlich in Versuchung, sich mit fremden Federn zu schmücken.

Haas und Creamer heuerten einen peruanischen Archäologen an und begannen in den Nachbartälern, nur wenige Kilometer nördlich Carals, zu graben. Sie gaben der ganzen Region unter Einbeziehung des Supe-Tals einen neuen, selbst proklamierten Namen: Norte Chico, kleiner Norden. Im Dezember 2004 schrieben sie in der Zeitschrift Nature: "Unsere jüngste Arbeit im benachbarten Pativilca und Fortaleza hat gezeigt, dass Caral und Áspero nur zwei von einer weit größeren Zahl spätarchaischer Stätten in Norte Chico waren." Ruth Shady erwähnten sie in nur zwei von 17 Fußnoten.

Das war der Höhepunkt provokanter Anmaßung. Denn die Archäologin hatte bereits sieben Jahre zuvor in der ersten Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse unterstrichen: "Wenn wir die produktive Kapazität dieses kleinen Tales in Rechnung stellen, hätte eine solche Leistung ohne die Beteiligung von Gemeinschaften der benachbarten Täler gar nicht erreicht werden können."

Die Peruanerin, die mit den brachialen Methoden von US-Forschern bei solchen Auseinandersetzungen noch keine Erfahrungen gemacht hatte, erhielt Schützenhilfe von der prominenten Archäologin Betty J. Meggers. Die Direktorin des Archäologieprogramms für Lateinamerika am Smithsonian-Institut, dem Nationalmuseum der USA, schrieb einen offenen Brief an die National Geographic Society. Sie warf Haas und Creamer vor, dass sie sich Shadys Arbeit widerrechtlich als ihre "Entdeckung" angeeignet hätten. Selbst in seinem eigenen Haus, dem Field Museum, erhielt Haas eine Rüge vom Wissenschaftlichen Rat. Er und Creamer hätten in Presse und Websites ihre eigene Rolle als "Entdecker" aufgeblasen.

Mitschuld an diesem Versuch, Shady ihren Ruhm und Ruf zu nehmen, trug das Desinteresse der ständig wechselnden peruanischen Regierungen an der Geschichte des eigenen Landes. "Wir arbeiten hier seit mehr als 14 Jahren", sagt die Archäologin, als sie zur wöchentlichen Bestandsaufnahme über die Steinquader einer der sieben Pyramiden klettert, "aber erst seit 2002 bekommen wir von der Regierung in Lima Geld." Im Jahr zuvor hatte Peru mit Alejandro Toledo den ersten Indio zum Präsidenten gewählt. Er und seine Frau, eine Anthropologin, gaben der Einzelkämpferin endlich auch staatlichen Rückhalt und schufen stabile Verhältnisse für ihre Arbeit. Shady gründete und leitet heute das Nationale Kulturinstitut für das archäologische Sonderprogramm Caral-Supe in Lima, das die ständig weiterlaufenden Ausgrabungen auswertet.

Fast jeden Donnerstag aber bricht die Institutsdirektorin noch vor der frühen und anarchischen Rushhour Limas wieder nach Caral auf. Heute kann sie sich dort auf ein junges Team von 15 Kollegen stützen. Die haben inzwischen ein spartanisch eingerichtetes, aber zweckdienliches Haus mit Arbeits- und Schlafräumen, Küche und überdachter Terrasse. Mit 135 Männern und Frauen aus dem Umland graben sie heute an sechs Fundstätten im Supe-Tal.

Morgens um 6 Uhr steigen die Talbewohner zum Haus der Archäologen hinauf. Aus den Labor- und Geräteräumen gegenüber holen die Helfer ihre klangvollen Schubkarren Abraham, Anibal, Moises und Co. Um 6.45 Uhr marschiert der gesamte Tross durch einen Guarango-Wald zu den Pyramiden. Von 12 Uhr bis 12.30 Uhr, wenn die Hitze die Dünen schon flimmern lässt, ist Trinkpause. Um 15 Uhr haben die Pyramiden wieder Ruhe, die Archäologen noch lange nicht. Im Labor sondert ein Dutzend angelernter Kräfte alle Mitbringsel aus: winzige Reste von karbonisiertem Gemüse, Fischen, Molusken, botanischem Material. Was für weitere Untersuchungen lohnt, nimmt Shady mit nach Lima ins Institut.

Ihr Team füttert nachmittags die Laptops mit der Ausbeute vom Tage, beugt sich über dicke Mappen, macht Zeichnungen, trägt Berechnungen ein. Mit der Dunkelheit bricht eine Invasion von Faltern, Motten, Mücken, Käfern über Computer, Lampen und Statistiken herein. Die jungen Wissenschaftler bleiben unbeeindruckt und wie abwesend in ihre Jahrtausende vertieft. Wie zu Shadys ersten Tagen im Supe-Tal wird abends immer noch zusammen gekocht. Doch erleichtert das gemeinsame Abwaschen inzwischen eine Warmwasseranlage, die Deutschlands Botschaft beigesteuert hat.

Die Forscher finden keine Waffen – offenbar eine friedliche Gesellschaft

"Hier", sagt Marco am nächsten Morgen, "nimm das mal in die Hand. Das haben die Leute 4500 Jahre vor dir geknüpft!" Der Mann sitzt in der Hocke und prüft gerade den Zugang zu einer Tempelpyramide. Mit seinem weißen Tuch unter der Mütze, das als Sonnenschutz über Wangen und Nacken fällt, sieht er aus wie ein Scheich. Nur dass sein Familienname Machacuay aus der Quechua-Sprache der Hochlandindianer stammt. Marco hat einst Biologie in Moskau studiert und ist seit Langem Chef der Ausgrabungen vor Ort. Ruth Shadys getreuer Paladin lebt wochenlang zwischen den Pyramiden, bevor er sieben Tage lang zur Familie in Lima fährt.

Das Stück aus geflochtenem Riedgras, das er herübergereicht hat, gehört zu einer Netztasche. In diese Taschen, die shicras, kamen behauene Steine oder Geröll. Sie wogen zwischen 15 und 55 Kilo, wurden als Füllmaterial für Böden und Wände in Reihen abgelegt und hielten die Steine über Jahrtausende zusammen. Die Füllungen in der Hauptpyramide waren vier Meter dick. Das allein schon bewies Shady, dass bei Bauten und Umbauten in Caral eine rigorose Arbeitsordnung geherrscht haben musste, dass Fachleute genaue Kalkulationen anstellten und die Resultate verantworteten.

Nur um Verteidigungsmauern mussten sich die Stadtbaumeister nicht kümmern. Die hatte Amerikas früheste urbane Großraumsiedlung allem Anschein nach nicht nötig. Auch diese Entdeckung Ruth Shadys fällt aus dem Rahmen und liefert zumindest Diskussionsstoff für die Theorien über den Ursprung des Staates. Denn wohl gab es im Supe-Tal Hierarchien, kommerzielle Netzwerke und gesundheitlich geschundene Unterschichten. Doch Befestigungen, Waffen oder andere Anzeichen für verfeindete Beziehungen mit dem Umland haben sich bis heute nicht gefunden. Zwar wäre es verwegen, daraus schon zu folgern, dass von diesen peruanischen Küstentälern einst der Königsweg zu einer friedlicheren Zivilisation hätte ausgehen können. Doch bietet Caral zumindest Hinweise darauf, dass bewaffnete Macht nicht zwangsläufig über die Ausformung eines embryonalen Staatsgebildes gewacht haben muss.

Ruth Shady geht davon aus, dass vielmehr die Religion das "Gewaltmonopol" ausübte, dass sie für den inneren Zusammenhalt und den damit verbundenen Zwang gegenüber der Bevölkerung sorgte. Die Gebäude, die mit ihren Innenhöfen, Schreinen, heiligen Feuerstätten jeweils als Besitz einzelner Götter galten, hatten nicht nur religiöse und administrative Funktionen. Sie prägten auch das soziale Gedächtnis, das den Sinn für Sicherheit und Kontinuität stiftete. Damit wurden sie zu Symbolen einer kulturellen Identität, die für soziale Gemeinschaft ebenso wie für politische Unterwerfung und Ausübung von Macht sorgte. "Die Religion spendete die vitale Kraft der Herrschenden", sagt Carals Spurenleserin. "Die Menschen lebten im Land der Götter, denen sie ihr Leben widmeten, und auf einem Boden, der den Mittelsmännern zu diesen Göttern gehörte."

Doch entgegen Goethes Vorstellungen, dass die Altamerikaner mit ihren Tänzen Affen glichen, verbanden die Bewohner Carals Zeremonien, Rituale, Tänze mit "Ausstellungen", die dem Tausch von Informationen und Waren dienten. Die Siedler, die aus anderen Teilen des Supe-Tals und den Nachbartälern zu den religiösen Festen kamen, konnten auf den zentralen Plätzen ihre Produkte präsentieren und handelten. Carals herausragende Bauten lassen erkennen, dass sich die Stadt zumindest zeitweilig zum Mittelpunkt der anderen Siedlungen aufschwang. Die wurden allem Anschein nach von eigenen Autoritäten gelenkt, waren architektonisch völlig gleich, aber weniger anspruchsvoll gestaltet.

Die Überschüsse dieser von der Religion gelittenen Märkte, so beschreibt es Ruth Shady, ermöglichten die ständige Erneuerung der Bauten, die Beschäftigung der Fachleute mit Bewässerungskanälen, genetischer Pflanzenkunde, Astronomie. Sie kamen der handwerklichen Spezialisierung zugute, der herausragenden Fähigkeit, auf Textilien symbolische Inhalte mit geometrischen und figurativen Dekors auszudrücken. Und sie förderten nicht zuletzt die Kunst, vor allem die Musik. Am Amphitheater-Tempel grub Shadys Team Blasinstrumente gleich für mehrfache Orchesterbesetzungen aus: 38 Hörner, hergestellt aus Wild- und Lamaknochen; 32 Traversflöten mit sieben Tönen, geschnitzt aus Pelikan- und Kondorknochen und verziert mit Darstellungen von Adlern, Schlangen, Katzen und Menschengesichtern. Diese Funde deuten zugleich darauf hin, dass Caral mit seiner urbanen Gesamtzivilisation den nahen Nachbartälern vorausging. Denn Álvaro Ruíz, der von Haas und Creamer angeheuerte peruanische Archäologe, räumte in einem Interview ein, dass man dort keinerlei visuelle Kunst gefunden habe.

Carals herausragende Rolle und seine Theokratie ohne kriegerisches Signum hatten dennoch auch ihre dunklen Seiten – zumal aus heutiger Sicht. Zwar haben die Archäologen dort nur wenige beigesetzte Bewohner gefunden, und aller Wahrscheinlichkeit nach opferten die Siedler des Supe-Tals den Göttern weit weniger Menschen als etwa die Azteken. Doch stieß das Team im Atrium der Hauptpyramide auf das Skelett eines etwa 25-jährigen Mannes. Der Körper war nackt gewesen und lag halb aufgerichtet in einer Schicht aus Grund und Steinen, die Arme auf dem Rücken gekreuzt. Ein Schlag ungefähr zwei Wochen vor dem Tod hatte die Schneidezähne herausgebrochen. Ein weiterer Hieb, der dem Mann zwei Schädelbrüche zufügte, beendete offensichtlich sein Leben. Fundort und Lage des Körpers lassen kaum Zweifel daran, dass hier ein Mensch während der architektonischen Neugestaltung der Pyramide geopfert wurde, um das Bauwerk dem Schutz der Götter anzuempfehlen.

Zusätzlich wirft dieser Fund aber auch ein Licht auf die schon damals existierende Ungleichheit der Gesellschaft. Der Mann hatte bereits seit seiner Jugend an schlechter Gesundheit durch einseitige Ernährung gelitten, die zu verkümmerten Zähnen und Knochenerkrankungen führte. Seine Lendenwirbel und Fußgelenke waren verschlissen; als Lastenträger gehörte er offenbar der untersten Schicht an. Die Klassenunterschiede zeigten auch die Funde einiger Kleinkinder. Beigesetzt unter Mauern oder Fluren von Wohnräumen – wahrscheinlich aus dem Glauben, dass ein Kindesopfer dem Gebäude ein langes Leben bescheren würde –, waren diese Boten für die Götter mit prächtigen oder auch armseligen Beigaben versehen.

Heute herrscht im Umland von Caral nur Armut. Als Ruth Shady mit ihrem alten VW Käfer zum ersten Mal an den Geröllhalden erschien, erzählten die Bauern, es seien Riesen gewesen, die einst die gewaltigen Steinhaufen in das Tal geworfen hätten. Schon bald erkannte die Archäologin, dass sie sich im Supe-Tal um eine doppelte Klientel zu kümmern hatte. Um die zielstrebigen, erfindungsreichen Erbauer von Caral aus der spätarchaischen Zeit. Und um die darbende Landbevölkerung des 21. Jahrhunderts in ihrer hilflosen Selbstverlorenheit.

Die Funde sollen der armen Region zu einem besseren Leben verhelfen

Ruth Shady mit ihren Erbteilen aus Prags jüdischer Vergangenheit und dem halb indianischen Peru nahm diese Herausforderung bereitwillig an. Seit ihrem Studium an der damals linken San-Marcos-Universität in Lima war sie eine Art latinische 68erin geblieben. Während sich viele Studienkollegen später als Professoren mit salbungsvoller Rhetorik begnügten, unternahm die Archäologin nichts im Leben ohne soziales Engagement. "Die Menschen hier sind so arm, der Boden gibt so wenig her. Wenn ich ihnen nicht helfe", sagt sie, "kann der Tag kommen, an dem sie über die Ausgrabungsstätten herfallen, um doch irgendetwas zu finden. Dann würde unsere Arbeit zerstört werden."

Seit 2003 hat die Professorin die Entwicklung des Supe-Tals mit einem eigenen Masterplan in die Hand genommen. Er soll nicht nur helfen, die Lebensqualität der Anwohner zu verbessern und ihren sozialen Zusammenhalt zu stärken. Shady will die Menschen, die heute so kärglich neben einem der weltweit ersten Geburtsorte der Stadtgeschichte leben, zugleich ermutigen, sich selbst mit diesem kulturellen Erbe zu identifizieren und zu seiner Erhaltung beizutragen. Die lokalen Autoritäten haben weder den Einfluss noch das Geld dazu.

Wenn etwa die Abraumhalde einer Bergwerkgesellschaft den Fluss vergiftet, dann ist es heute Ruth Shady, die sich den Respekt erkämpft hat, um in der Hauptstadt Alarm schlagen zu können. Im vergangenen Frühjahr bat sie die ländlichen Honoratioren und Helfer zu Obstsäften und kulinarischen Überraschungen einer Köchin aus dem Tal in das Archäologenhaus, um ein Telecentro cultural einzuweihen. Das von der Unesco unterstützte Projekt soll die Kommunikation und Integration der Bevölkerungsgruppen verbessern, die junge und die alte Generation zusammenführen, den Bauern ökologische Anbaumethoden näherbringen und das Tal mit dem Internet verbinden.

Ruth Shadys materieller Einsatz für die Menschen im Tal hatte sich schon lange vorher herumgesprochen. Im Jahre 2002 hätte sie das Engagement um ein Haar mit dem Leben bezahlt.

Ihr roter Landrover mit den dick gepolsterten Überrollbügeln holperte einsam durch die grauen, knochentrockenen Hochlandausläufer auf Caral zu. Im Wagen versteckt lag die Wochenkasse für die Leute, die bei den Ausgrabungen Schwerarbeit verrichteten. "Hinter diesem kleinen Hügel", zeigt Shady, "sprangen plötzlich Männer mit Pistolen hervor. ›Anhalten! Anhalten!‹, schrien sie." Doch Abraham Malasquez, damals ein Mittfünfziger, der die Archäologin noch heute fährt, gab Gas. Die Männer schossen sofort. Die erste Kugel traf den Oberschenkel des Fahrers, die zweite Ruth Shadys Brust. "Ich dachte nur noch: ›Das ist das Ende!‹, und verlor das Bewusstsein", sagt sie, als der Wagen die Stelle des Überfalls an der menschenleeren Wüstenpiste zum ungezählten Mal wieder passiert hat. Lächelnd setzt sie hinzu: "Die Kugel verfehlte das Herz um Millimeter. Wir entkamen. Offenbar hatten die Götter des Supe-Tals mit mir noch etwas vor."

In diesem Herbst hat Ruth Shady die Unesco gebeten, Caral-Supe in das Weltkulturerbe aufzunehmen. Amerikanische Archäologen und der deutsche Völkerkundler Henning Bischof haben ihren Antrag als Fachleute befürwortet.