DIE ZEIT: Sie sind im Dezember 1938 in Königsberg geboren und haben 1944 mit Ihrer Mutter Ostpreußen verlassen. Hat die Herkunft Ihre spätere Arbeit als Historiker beeinflusst?

Heinrich August Winkler: Ich denke, dass die deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert mich in jedem Fall intensiv beschäftigt haben würde. Aber es ist wohl so, dass durch die Herkunft aus Königsberg die deutsche Frage mich noch mehr umgetrieben hat als manchen meiner Altersgenossen.

ZEIT: 1963 haben Sie bei Hans Rothfels in Tübingen promoviert. Rothfels war ja einer der wenigen emigrierten Historiker jüdischer Herkunft, die nach 1945 nach Deutschland zurückkehrten. Wie haben Sie ihn als Hochschullehrer erlebt?

Winkler: Er war ein eindrucksvoller, ja charismatischer akademischer Lehrer, der auch mit Widerspruch umzugehen wusste. Ich erinnere mich, dass ich ihn einmal darauf aufmerksam machte, dass es inzwischen nicht nur eine Rothfelssche Rechte, sondern auch eine Rothfelssche Linke gebe. Er hat das freundlich zur Kenntnis genommen.

ZEIT: Vor einigen Jahren ist Rothfels wegen seiner Tätigkeit als Ordinarius in Königsberg vor 1933 in die Kritik geraten. Man warf ihm Nähe zum Nationalsozialismus vor. Sie haben ihn damals als "konservativen Vernunftrepublikaner" verteidigt. Stehen Sie noch zu diesem Urteil?

Winkler: Nach dem, was wir aus der Veröffentlichung des Briefwechsels der Schüler Friedrich Meineckes mit ihrem Lehrer und untereinander wissen, muss man wohl sagen, dass Rothfels in der Endphase der Weimarer Republik noch weiter nach rechts gerückt ist, als mir bei der Auseinandersetzung damals bewusst war. So hat er offenkundig beim zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl 1932 für Hitler gestimmt – ein Sachverhalt, den ich als zutiefst irritierend empfinde.

ZEIT: 1970, nach Ihrer Habilitation, bekamen Sie Ihre erste Professur an der Freien Universität Berlin, damals ein Zentrum der Studentenbewegung. Welche Erfahrungen haben Sie als junger Professor mit den 68ern gemacht?