Max Liebermann malte nicht nur, er sammelte auch erfolgreich die Kunst der Kollegen. Etwa dieses Bordellbild von Toulouse-Lautrec "Nach meiner Überzeugung hat Kunst weder mit Politik noch mit Abstammung etwas zu tun"

Der Damien Hirst der vorletzten Jahrhundertwende hieß zweifellos Max Liebermann: Was immer damals das Atelier des Berliner Impressionisten verließ – Gemälde, Pastelle, Druckgrafiken und illustrierte Bücher –, fand auf dem Kunstmarkt reißenden Absatz. Selbst für Skizzen und Fingerübungen zahlten Sammler ansehnliche Preise. Entsprechend komfortabel konnten Liebermann und seine Familie in ihrem Stadtpalais neben dem Brandenburger Tor und in einer Villa draußen am Wannsee leben. 1913 hatte sich der damals 66-Jährige ein Vermögen von 6,1 Millionen Mark ermalt. Einen Teil seines Einkommens gab Liebermann wieder für Kunst aus – unter anderem für dieses großartige Gemälde von Henri de Toulouse-Lautrec, das Christie’s am 4. Februar in London versteigern wird.

Zunächst allerdings zogen Liebermann vor allem die Maler der Schule von Barbizon an, die Mitte der 1880er-Jahre ihre Ateliers verlassen und in der Natur zu malen begonnen hatten. Ihre Bilder hatte Liebermann kennengelernt, als er 1873 nach Paris zog, um die Moderne zu studieren.

Erst 1892 erwarb Max Liebermann sein erstes impressionistisches Kunstwerk aus Frankreich – ein Blumenstillleben von Manet. 16 weitere Gemälde von Manet sollten folgen, daneben 14 Bilder von Honoré Daumier, drei Gemälde von Claude Monet und Werke von Vincent van Gogh und Edgar Degas, Paul Cézanne und Gustave Courbet, Pierre-Auguste Renoir und Henri de Toulouse-Lautrec. Dass der deutsche Malerstar erst spät die französischen Impressionisten und ihre Nachfolger sammelte, lag auch an einer persönlichen Demütigung, die ihm in Paris widerfahren war: Er hatte dort den bewunderten Jean-François Millet und auch Edouard Manet um eine Audienz gebeten. Beide lehnten ab: Mit einem deutschen Konkurrenten wollten sie sich nicht treffen.

Erst 1926 kaufte Liebermann Toulouse-Lautrecs 1895 gemaltes großformatiges Bordellbild Die zwei Freundinnen. Ob er die lesbische Szene zwischen zwei Prostituierten als Studienmaterial betrachtete, ins Separee oder in eines seiner Wohnzimmer hängte, ist nicht überliefert. 1931, vier Jahre vor seinem Tod, bat der Maler die Berliner Galerie Paul Cassirer, das Bild wieder zu verkaufen. Seither wechselte es mehrfach den Besitzer und hing zwischen 1973 und 1975 als Leihgabe eines Schweizer Kunsthändlers in der Stuttgarter Staatsgalerie. Der jetzige europäische Einlieferer kaufte das Gemälde im Mai 2000 bei Sotheby’s in New York für 9,4 Millionen Dollar. Dass Christie’s nun exakt diese Summe als unteren Schätzpreis angibt, ist ein deutliches Zeichen für die Abkühlung des lange überhitzten Kunstmarktes. Stefan Koldehoff

"Die zwei Freundinnen" von Henri de Toulouse-Lautrec, 1895

Max Liebermann (1847 bis 1935) war einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Impressionismus