Einen Paradiesvogel hat man ihn genannt, und in der Tat: André Heller ist ein seltener Vogel. Keiner hat seinerzeit die Devise "Die Fantasie an die Macht" so entschlossen als Aufforderung verstanden wie er, und überhaupt keiner hat so rasch begriffen, dass es dazu eine besondere Mischung von Begeisterungsfähigkeit und strategischem Denken braucht.

Was Heller inszeniert, ist Unterhaltungskunst im Weltformat. Dabei ist das Geheimnis seiner Zirkusse und Feuerwerke, Kristall- und Gartenwelten, dass sie keines haben: Sie sind, was sie sind, und basta. Es sind Kunst-Welten, die das Schöne ohne das Wahre und Gute haben möchten, und er selber ist dabei einer der großen Illusionisten, der allerdings – anders als etwa Houdini – in der Rolle des Impresario bleibt und die Bühne selber nicht betritt.

Zuletzt hat er mit Afrika! Afrika! den jammervollen Kontinent so vorgeführt, wie er ganz und gar nicht ist – woher wohl auch sonst die Begeisterung? Für solche Dinge ohne Hand und Fuß hat Heller ein Händchen. Er bringt Spektakel auf die Bühne und trifft den Nerv des Publikums. Sein Können ist es nicht zuletzt, das Spektakel zur rechten Zeit am rechten Ort anzubieten. Wenn sich die Afrikaner nur die Eintrittskarte leisten könnten, er würde ihnen gewiss eine Alpenshow liefern mit edlen Trachten und Schuhplattlern, dass es nur so jodelt.

Wenn nur der Augenblick von Bedeutung ist

Was für ein Glück aber ist es, das Heller Millionen Menschen tatsächlich für ein paar Stunden verschafft? Das Glück ist, wie man in Hellers Heimat Österreich weiß, a Vogerl, und dieses Vogerl ist nun einmal nicht der Spatz in der Hand, sondern zumeist die Taube auf dem Dach des Wohnblocks. Aber es erinnert immerhin an das Kinderglück und also an die Zeit, in der der Augenblick regiert, weil man noch nicht weiß, dass die Zeit ein seltsam Ding ist. In dieser Zeit vor dem Erwachsenwerden sind Kunst und Kitsch noch ununterscheidbar: Stoff zum Staunen.

Der Zustand des Kindseins wird ja gern auch unverbildet genannt, man begreift es als ein Hochamt des Unverstellten, das es zu bewahren gilt. Ähnliches muss dem Autor mit dem seltsam verschwommenen Titel seines neuen Buches Wie ich lernte bei mir selbst Kind zu sein auch vorgeschwebt haben. Es ist jedenfalls die Geschichte eines Kindes, das Paul Silberstein heißt und diese Geschichte selbst erzählt. Vorangestellt ist dem Ganzen ein Hinweis in eigener Sache, wobei allerdings nicht ausgemacht ist, wer spricht, der Autor oder sein Held: "Die Erzählung greift einige Themen und Begebenheiten auf, die meine Kindheit für mich bereithielt. Die Oberhand beim Schreiben hatte allerdings die Fantasie."

Nehmen wir an, dass es vorerst um den Autor geht: Dessen Vater war in der Tat ein jüdischer Süßwarenhersteller in Wien, der seine Frau während der Nazi-Diktatur mit guten Gründen zur Scheidung zwang, emigrieren konnte und nach dem Krieg wieder nach Wien kam an die Seite seiner Frau, mit der er dann einen weiteren Sohn hatte, den er Franz, der sich selber später aber André nannte. Und um den geht es wohl doch. Nicht weil dieser Paul zu viel Ähnlichkeit mit ihm hätte, sondern weil André Heller etwas über sich mitteilen will, das ist unübersehbar.