Lampedusa - Die Tür am Eisengitter, das die Mole absperren soll, ist nur angelehnt. Der Zollbeamte, der mich wegschicken will, weil ich keine Genehmigung habe, begnügt sich nach einem kurzen Wortwechsel damit, dass ich zwei, drei Meter zurückgehe. Heute hätten sie offiziellen Besuch, erklärt er beinah entschuldigend, und nickt in Richtung der beiden Herren in dunklen Anzügen. Die jungen Araber, die auf dem Boden hocken, sind die ersten Bootsflüchtlinge nach Tagen, in denen die See stürmisch war. Haben ein Fischerboot geklaut, sagen sie, und sind gestern losgefahren, neun Freunde, alle um die zwanzig, modische Frisuren, mit knöchellangen Jeans, wie sie Hip-Hopper tragen – ein Nachdenklicher mit Brille, ein Schönling mit langen Haaren, ein Wortführer, betont gelassen.

Sonntagsausflügler nennen sie hier die Flüchtlinge, die es auf eigene Faust versuchen, oft spontan, und gegen alle Erwartung auch noch zügig durchkommen, weder abgetrieben noch abgefangen werden, sie fahren in Tunesien los und betreten keine vierundzwanzig Stunden später europäischen Boden. Die Verblüffung ist ihren Gesichtern abzulesen. Nicht einmal besonders erschöpft wirken sie, wirklich wie Sonntagsausflügler, denke ich jetzt auch. Die meisten anderen Flüchtlinge sind Tage unterwegs, weil sie große Bögen fahren, um den Patrouilleschiffen der europäischen Frontex-Agentur zu entweichen, die die Flüchtlingsboote weit vor den europäischen Hoheitsgewässern abzufangen versucht. Die Ärzte ohne Grenzen, die am Hafen warten, erleben oft den reinen Horror, wenn die Boote eintreffen, dreißig, vierzig Menschen, die für den beengten Platz an der sengenden Sonne buchstäblich ihr letztes Hemd gegeben haben, halb oder ganz tot vor Durst, Erschöpfung, Übelkeit, und sie, die neun Freunde, sie fahren, ohne lange nachzudenken, los wie auf eine Spritztour, kein Unwetter, keine Krankheiten, kein Motorenschaden, nicht einmal eng haben sie es, nicht einmal Sonne, weil sie alle unters Dach des Kutters passen, und schlüpfen durch die Maschen des Paradieses, wie sie Schengen in Afrika nennen. Die Ärzte ohne Grenzen kommen nicht zum Einsatz.

Die Beamten bringen die jungen Männer ins Aufnahmelager, wo schon bei regulärer Belegung mit 700 Flüchtlingen eine Bevölkerungsdichte wie in keinem japanischen Hochhaus herrscht. Als Matratze dient grob geschnittener Schaumstoff, wie man ihn auf dem Bau als Isoliermaterial verwendet, als Bettzeug Papier, alles Geschirr Einweg. Wenn man Menschlichkeit nicht nach den Mindeststandards eines europäischen Gefängnisses definiert, sondern als Sattwerden, Schlafstatt, Kleidung, keine Schläge, keine groben Worte, für den Notfall einen Arzt und sogar eine Psychologin, ja, dann ist das Lager menschlich.

Ein, zwei Wochen werden sich die Tunesier dort langweilen, bevor sie in ein weiteres Lager auf dem Festland überführt werden. Mit Tunesien besteht noch kein Rückführungsabkommen, deshalb haben sie gute Chancen, nach drei, vier oder acht weiteren Monaten Trostlosigkeit mit einem Ausweisungsbescheid auf die Straße geschickt zu werden, den sie in den Papierkorb werfen werden. Alle wissen das, auch der Staat. Die meisten ziehen ohnehin weiter nach Norden, bekümmern die Italiener daher nicht sehr, und wer bleibt, wird gebraucht: Ohne die illegalen Arbeitskräfte in Italien, die zwei, drei Euro die Stunde verdienen, gäbe es in Deutschland keine Pfirsiche für zwei, drei Euro das Kilo. Allein in Sizilien sollen dreißig- bis vierzigtausend Illegale auf den Feldern arbeiten.

Die Unaufgeregtheit, mit der die neun tunesischen Freunde befragt und nach nicht einmal zwanzig Minuten abgeführt werden, lässt vergessen, dass ihre Situation gleichwohl existenziell ist, der Bruch mit allem, was ihr bisheriges Leben war, der Beginn eines Lebens, dessen Konturen sie nicht einmal ahnen, in Europa zwar, ja, im Gelobten Land, aber ohne Rechte, ohne Krankenversicherung, ohne soziale Absicherung, immer in Angst vor der Polizei. Inmitten der Dramen, die sich sonst auf dem Mittelmeer und noch auf der eigentlich abgesperrten Mole im Hafen von Lampedusa abspielen, mutet ihre Schicksalswende wie ein Normalfall an, den es fast nicht mehr gibt.

Viele Tausende Menschen haben die Zollbeamten und mit ihnen die Ärzte ohne Grenzen in diesem Jahr auf Lampedusa in Empfang genommen, plus die neun Tunesier von heute, aber im Dorf sieht man von ihnen nichts. Ihr Lager, ein, zwei Kilometer außerhalb hinter einem Hügel, ist auf keiner Karte verzeichnet, durch kein Schild ausgewiesen und nur mit Sondergenehmigung zu betreten, die zu erlangen man sämtliche Fragen eine Woche im Voraus schriftlich einreichen muss. Nur am Hafen könnte man einen Blick auf die Flüchtlinge werfen, in der kurzen Spanne zwischen Landung und Abtransport, doch nur vom Hügel aus, der sich über den Hafen erhebt, da vor der Mole selbst Betonklötze die Sicht versperren. Wie gesagt, das Tor ist offen, jeder könnte zur Anlegestelle spazieren, doch das tun nur Berichterstatter wie ich, die sich Lampedusa als wer weiß welches Inferno vorgestellt hatten.

Wie die Ärzte ohne Grenzen berichten, konnten die Flüchtlinge früher aus dem Lager ausbüchsen, der Stacheldraht hatte einige Löcher, aber was sollten sie schon ohne Geld auf einer Insel tun, auf der sie nicht einmal untertauchen können? Einmal hatten sich drei, vier Schwarze im Ort umgesehen und sogar ein Bier bestellt, ohne es bezahlen zu können, da setzte der Bürgermeister die Meldung in die Welt, die Flüchtlinge lungerten in den Bars herum, würden sich kostenlos betrinken und die Touristen anpöbeln. Glaubt man ihm, geht die Insel gerade unter. Tatsächlich, sagen fast alle Menschen, mit denen ich ins Gespräch komme, bemerkten sie kaum etwas von den Flüchtlingen, die meisten haben seit Jahren keinen getroffen. Wer seinen Urlaub in Lampedusa verbringt, interessiert sich nicht für Sehenswürdigkeiten einer schmucken Altstadt oder schöne Landschaften, die es nicht gibt. Er kommt wegen des Meeres. Er will sonnenbaden, schwimmen oder tauchen, zumal wenn es anderswo in Italien zu kalt geworden ist dafür. Keine Realität hindert ihn daran.