Der Anbruch des hygienischen Zeitalters in Europa beginnt damit, dass ein hagerer Ingenieur aus London seinen Koffer packt, den Frack anlegt, seinen Zylinder aufsetzt und eine Schiffspassage nach Hamburg antritt. Der Reisende trägt eine Idee im Kopf, die wenige Jahre später die mittelalterlichen Städte in die Neuzeit katapultieren wird. Aber noch ist es nicht so weit, noch ist William Lindley an diesem Tag im Jahr 1838 nur ein einfacher Handlungsreisender in Sachen Eisenbahnbau.

In Hamburg angekommen, ist Lindley angenehm überrascht. In den 24 Jahren nach der französischen Besetzung hat sich die Stadt sehr zu ihrem Vorteil verändert. Überall wird gebaut. Mittelalterliche Gemäuer wie das Dominikanerkloster sind großzügigen Gebäuden gewichen, der alte Verteidigungswall ist jetzt eine Promenade, auf der die Bürger lustwandeln. Doch stadteinwärts, ein paar Minuten Gehweg vom lichten, frischen Stadtwall entfernt, steht noch das alte, weniger appetitliche Hamburg. Die Hamburger kippen ihren Unrat in die Fleete, ein Kanalsystem, das die Stadt wie ein Adernetz durchzieht. Bei Ebbe fällt die natürliche Entsorgung trocken, und dann gären im Morast Abfälle und Fäkalien, die Dünste steigen in die engen, finsteren Gassen. Immer wieder bricht Cholera aus.

All das stört die Hamburger Kaufleute kaum, sie kennen es einfach nicht anders. Eine funktionierende Kanalisation ist Mitte des 19. Jahrhunderts zweitrangig, lieber möchte man eine Eisenbahn, die Hamburg mit dem 19 Kilometer entfernten Bergedorf verbindet. Und William Lindley, aufstrebender Ingenieur der Eisenbahngroßmacht Großbritannien, soll auf Empfehlung des Hamburger Kaufmanns Ruperti William den Bau realisieren. Aber nicht der Schienenstrang wird Lindley wenige Jahre später berühmt machen, sondern seine spektakuläre Stadtplanung. Er wird den mittelalterlichen Dreck entsorgen, frisches Wasser in die Haushalte bringen und Gaslicht in allen Straßen entzünden. Lindley wird der Konstrukteur des modernen, sauberen Europas werden und Hamburg das Epizentrum dieses frischen Zeitalters.

Die Geschichte des William Lindley – die derzeit in einer Hamburger Ausstellung liebevoll nachgestellt wird – ist damit mehr als eine Historie. Sie erzählt von der Kunst, ein visionäres Großprojekt umzusetzen, und davon, dass dazu viel mehr gehört als nur eine gute Idee. Ingenieuren, die zum Teil bei Entwicklungshilfeprojekten in der Dritten Welt heute vor just derselben Situation stehen wie seinerzeit Lindley in Hamburg, kann seine Geschichte zum alterslosen Vorbild gereichen.

Lindleys große Idee – mithilfe einer umfassenden Stadthygiene die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern – wird noch heute von der Weltgesundheitsorganisation als wichtigste Investition für die Gesundheit in den Entwicklungsländern herausgestellt. Vielleicht scheitert ihre Umsetzung nicht zuletzt daran, dass in vielen Ländern ein Mann wie William Lindley fehlt.

Denn im Jahre 1838 ist den Hamburger Kaufleuten eigentlich schon länger klar, dass die Lebensbedingungen in ihrer Stadt miserabel sind. Doch ihnen gebricht es sowohl an der technischen Expertise als auch am Mut, dem Übel wirklich abzuhelfen. Dann kommt Lindley. Der britische Ingenieur ist mit den Sitten und Gepflogenheiten der Hanseaten wohlvertraut. Schon mit 16 Jahren hatte er seine deutsche Verwandtschaft in Wandsbek, vor den Toren Hamburgs, besucht und zehn Monate lang die deutsche Sprache und Gesellschaft studiert. Später, mit 23 Jahren, hatte der junge Eisenbahningenieur versucht, die Strecke von Hamburg nach Lübeck zu vermessen – und war gescheitert, weil die Trasse auf dänischem Herrschaftsgebiet verlaufen sollte.

Als er 1838 zum dritten Mal in Hamburg ankommt, mittlerweile 30-jährig, ist er bestens präpariert. Der Ingenieur ist Visionär, Netzwerker, Manager, Kaufmann und Marketingexperte in Personalunion. Lindley weiß, wie mit der Hamburger Oberschicht umzugehen ist, und lädt als Erstes die feine Gesellschaft ein. Eifrig notiert er persönliche Details der Gäste: den Geburtstag des Bürgermeisters, die Namen der Kaufmannsgattinnen und alles, was sich sonst für kleine Aufmerksamkeiten nutzen lässt. "Ein langes Gespräch während des Konzerts – Berliner Eisenbahn", vermerkt Lindley 1841 in seinem Tagebuch über die Begegnung mit dem Großherzog von Mecklenburg. Es sind diese Verbindungen, die ihm schließlich die sanitäre Revolution erlauben.