In Wahrheit liebt er es, wenn es hoch hergeht. An guten Tagen attestiert er der Runde, die Debatte sei anspruchsvoller als damals am Kabinettstisch. An schlechten Tagen blafft er: Naiv! Ahnungslos! Unverantwortlich! Verrückt! Dann kann er so laut werden, als habe er den ganzen Bundestag vor sich, nicht nur zwölf ZEIT- Redakteure.

Sein schlimmster Vorwurf: "Ihr psychologisiert zu viel!" Soll heißen: Weil ihr von der Sache nichts versteht, flüchtet ihr euch ins Menschelnde. Psychologisierende Journalisten! Findet er "zum Schießen". Braucht er nicht! Braucht auch sonst keiner! Aufs Psychologisieren versteigt sich der, der die Fakten nicht kennt. Der seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Findet man ja öfter in diesem Gewerbe.

Nie würde Helmut Schmidt sich einen Journalisten nennen – "Journalist" hamburgisch ausgesprochen, mit kurzem, trockenem J, wie Junge, Junge. Journalisten reden über Dinge, von denen sie wenig verstehen, zu denen sie aber eine klare Meinung haben. Nein, Journalist könne er schon deshalb nicht werden, hat er mal gespottet, weil er es sich nicht abgewöhnen könne zu arbeiten. Dabei hat er manche Zeitungsleute sehr geachtet, schätzt andere bis heute: Marion Gräfin Dönhoff etwa, seine verstorbene Herausgeberkollegin, mit der ihn eine jahrzehntelange Freundschaft verband; Kurt Becker, den ehemaligen Politikchef der ZEIT, den er als Pressesprecher nach Bonn holte; Theo Sommer, den Alleskönner, der ein halbes Jahr für den neuen Verteidigungsminister Schmidt auf der Hardthöhe das erste Weißbuch der Bundeswehr erarbeitete – mit ihnen allen saß er an diesem Konferenztisch am Hamburger Speersort zusammen. Auch mit Christoph Bertram, Nina Grunenberg, Dieter Buhl.

Heute hört er den Jungen zu. Nicht immer geduldig. Denn er versteht sie manchmal nicht. Akustisch nicht und auch nicht politisch. Weil sie zum Beispiel im Kongo intervenieren wollen oder in Darfur. Weil sie so leichtfertig vom Krieg reden. Das bringt ihn auf die Palme. Was geht uns der Kongo an! Oder Georgien! Oder Afghanistan! Aus der Haut fahren könnte er da. Er hat doch "die ganze Scheiße" unter "Adolf Nazi" an der Ostfront miterlebt!

Es gibt Thesen, die hat er erstmals in der Freitagskonferenz formuliert, hat sie gewissermaßen dort ausprobiert. Die Bedrohung, beispielsweise, die vom "Raubtierkapitalismus" ausgehe. "Beaufsichtigt die neuen Großspekulanten!", forderte er schon im Februar 2007 in der ZEIT. Er wusste sich in seiner Strenge einig mit Marion Dönhoff, die fast zwanzig Jahre lang in der Freitagskonferenz rechts neben ihm saß. "Zivilisiert den Kapitalismus!", verlangte sie viele Jahre vor Ausbruch der internationalen Finanzkrise. Wie "die Gräfin" kann er sich erregen über Gier und Exzesse; er kann wüten über die Hunderttausende von Derivaten, die auf dem Finanzmarkt in Umlauf seien und die keiner geprüft und zugelassen habe. "Ein Skandal!", wettert er und greift grimmig zur halb leer gerauchten Packung Reyno.