DIE ZEIT: Herr Scholl-Latour, was war das schlimmste Leid, dessen Zeuge Sie in Ihrem Reporterleben geworden sind?

Peter Scholl-Latour: Das geschah, bevor mein Reporterleben überhaupt begann. Am Ende des Krieges war ich drei Monate in Gestapohaft und habe in einen Abgrund von Grauen geblickt. Persönlich möchte ich auf diese Erfahrung nicht verzichten. Sie hat auf mich wie ein Stahlbad gewirkt und mich gegen alle anderen Prüfungen abgehärtet. Ich habe in jenen Tagen entdeckt, dass das Böse wirklich existiert, im Christlichen würde man von der Erbsünde sprechen. Um einigermaßen gesittet zu leben, bedarf der Mensch wohl einer gewissen Zucht, einer Strenge, also einer Religion, wie immer man das nennen will.

ZEIT: Und nach der Nazizeit, als Journalist, was hat Sie da am grauenhaftesten berührt?

Scholl-Latour: Ich entrüste mich nicht leicht. Aber ich glaube, dass die Massaker, die zurzeit wieder am Kongo Millionen Opfer fordern, die größte menschliche Tragödie unserer Tage darstellen. Daran gemessen sind die schrecklichen Ereignisse vom 11. September 2001 in New York nur eine tragische Episode.

ZEIT: Haben Sie es erlebt, dass Sie am liebsten nicht mehr beobachtet und berichtet, sondern selbst eingegriffen und geholfen hätten?

Scholl-Latour: Da sind die Möglichkeiten begrenzt. Ich will nur ein Beispiel nennen, das bei der französischen Truppenlandung im Jahr 1946 im indochinesischen Hafen Haiphong stattfand. Drei Soldaten meiner Truppe, die sich unvorsichtig entfernt hatten, fanden wir in einem Kanal wieder. Man hatte ihnen die Augen ausgestochen, und sie waren entsetzlich verstümmelt. Dann ist es sehr schwer, bei der Truppe die Disziplin aufrechtzuerhalten, sie zu hindern, im verdächtigen Dorf Rache auszuüben und sich auszutoben. Ich erwähne den Vorfall, weil die Bundeswehr in Afghanistan heute bereits in einen Partisanenkrieg verwickelt ist und die Führung auf unkontrollierte Reaktionen der eigenen Soldaten vorbereitet sein muss.

ZEIT: Als Autor wollen Sie keinen Einfluss nehmen?