Flughafen Genf, frühmorgens. Treffpunkt ist natürlich nicht die Abflughalle, wo der normale Passagier seinen Rollkoffer aufs Band legt, den Gürtel aus der Hose zieht und auf Socken zu einem Wachmann schlurft, der ihn sexuell belästigt. Treffpunkt ist das kleine Gebäude nebenan, wo die Hostess freundlich den Weg zu einer ledernen Sitzgruppe weist und fragt, ob man Tee oder Kaffee wünscht. Der Flugkapitän streckt die Hand zum Gruß aus.
Das ist sie also, die Piste der Reichen und Berühmten, die sich am Genfer See niedergelassen haben. Der Aga Khan lebt hier, David Bowie, Athina Onassis, Alain Delon, Sophia Loren, auch Leute mit längeren Namen wie Scheich Abdul Aziz Al-Sulaiman. Der Reeder Ernesto Bertarelli (Vermögen: 9 Milliarden Euro). Der Krösus von Ikea, Ingvar Kamprad (25 Milliarden Euro). Die Liste hört nicht auf.
Die Wolken am Himmel lösen sich auf. Kein Wind. Das erfreut Menschen, die in einem Sechssitzer nach Portugal düsen wollen.
Gibt es eigentlich noch andere Autos als schwarze Cayennes? Wohl nicht, wenn man den Parkplatz vor dem Terminal anschaut. Die Gegend ist offenbar ein Refugium für Gleichgesinnte.

Warten auf Michael Schumacher. Was für ein Mensch ist er? Ist er so verschlossen, wie alle sagen? Siebenfacher Formel-1-Weltmeister. Ein Mythos. Eine Weltmarke. Ein Egomane. Ein Mann, der in den rasenden Boliden selber zur Maschine mutiert ist. Ein Mann, an dem jede private Frage abprallt. Autistisch. Unnahbar. Rätselhaft. Den Ruf hat er. Deshalb sind wir hier. Wir, Reporter und Fotograf, wollen ihm auf die Spur kommen. Er hat uns zwei Tage gewährt, die wir hautnah an seiner Seite verbringen dürfen. Das macht er normalerweise nicht.
Ein Taxi fährt vor. Sabine Kehm steigt aus. Sie ist Schumachers engste Vertraute. Nach Corinna natürlich, seiner Frau. Wo Sabine ist, da ist Michael nicht weit. Sie hat zwei Blackberrys, einen exklusiv für IHN. Standleitung Schumacher. "Er ist auf dem Weg", sagt sie.

Michael Schumacher wohnt in Gland, einem Dorf direkt am Genfer See, etwa 15 Minuten vom Flughafen entfernt. Der Neubau – vor einem halben Jahr ist die Familie eingezogen – hat Schlagzeilen gemacht: Die Villa ist eine Mischung aus Rokokoschloss und Chalet, hat einen 30-Meter-Pool, plus Garage für zwei Dutzend Autos, mit Park (drei Hektar) und Seeanschluss. Preis angeblich 40 Millionen Euro. Davon entfernt man sich natürlich ungern.

Er kommt. Ein schwarzer Kombi fährt vor (kein Cayenne). Schumi steigt aus. Er hat den legendären Tunnelblick, die Pupillen nur aufs Ziel gerichtet. Das ist in diesem Fall der Kofferraum. Darin: viele Taschen, Koffer, Helme. Er packt mit an. Ein zweiter Mann – wie sich gleich herausstellt, sein Physiotherapeut, der immer mitreist – hilft. Der Flugkapitän bietet sich als Gepäckträger an. Schumi trägt ein Kruzifix, mit Brillanten besetzt, überm Hemd.
Schumi. So heißt er im Volksmund. Als wäre er ein Prinz der Herzen. Dabei ist er Prinz Eisenherz.

Der Junge aus Kerpen, einem Kaff im rheinischen Braunkohlerevier, startete im Alter von vier Jahren in einem Kettcar mit umgebautem 5-PS-Mofamotor, ein Geschenk seines Vaters. Mit fünf Jahren feiert er seinen ersten Sieg. Drei Jahrzehnte später – nach seinem 91. Grand-Prix-Sieg – ist er der erfolgreichste Rennfahrer aller Zeiten. 2006 verabschiedet er sich aus der Formel 1. Er hat alles erreicht, was man in der Königsklasse auf vier Rädern erreichen kann.

Neuerdings rast er auf zwei Rädern – Schumi kann es einfach nicht lassen. Er braucht den Reifendruck, den Geruch der Box, den Kick. Das Leben muss irgendwie weitergehen, und das funktioniert nun mal nicht ohne Motor. Im Januar wird Michael Schumacher 40.
Er ist also ein Privatmann, der im Privatjet zu seinem privaten Vergnügen fliegt. Und das ist der Motorrad-Rennsport. Sein neues Hobby. Ist das wirklich ein Ersatz fürs Ferrari-Cockpit?
Michael Schumacher ist erstaunlich schick angezogen für einen Kerl, der nach Portugal fliegt, um dort Motorräder zu testen. Er trägt eine schwarze Hose von Dolce & Gabbana, dazu ein blütenweißes Hemd und ein dunkles Sakko.
Das Gepäck ist verladen. Ach ja, da sind die beiden Reporter. Knapper Händedruck. Motorisches Lächeln. Er wäre jetzt lieber allein. Wozu hat man sonst einen Privatjet? Aber eben. Er ist der merkwürdigste Motorradfahrer der Welt. Er ist der rätselhafteste Privatmann der Welt. Dass sich die Welt darüber wundert, ist auch ihm klar.
"Alles startklar", sagt der Kapitän.Wir laufen übers Rollfeld zu der Hawker, die schon die Motoren angelassen hat. Die Maschine bekommt ihren Slot, hebt ab. Die Hawker ist ein fliegendes Wohnzimmer. Schumi macht erst mal ein kleines Nickerchen. Power-Nap. Nach ein paar Minuten ist er wieder hellwach.

ZEITmagazin: Auf Kommando in Tiefschlaf fallen, wie macht man das?

Michael Schumacher: Das habe ich erst so richtig in den letzten zehn Jahren meiner Profizeit gekonnt. Ganz am Anfang nicht, da war ich zu angespannt. Zwei, drei Minuten schlafen, das gibt mir wieder volle Energie.

ZEITmagazin: Sie haben kurz vor dem Rennen geschlafen? Kein Kaffee oder so, um sich aufzuputschen?

Schumacher: Ich bin eh kein Kaffeetrinker. Kaffee wirkt bei mir in die andere Richtung, da ist mir unwohl. Man muss beim Rennen hellwach sein. Ich regeneriere mich am besten im Schlaf.

ZEITmagazin: Fantastischer Blick von hier oben. Können Sie bestimmte Berge an der Form erkennen?

Schumacher: Da drüben ist der Montblanc. Der ist einfach zu erkennen, wenn er nicht gerade in der Wolkendecke ist. Aber im Normalfall mache ich im Flieger was anderes, als aus dem Fenster zu gucken. Ich schau nur kurz nach dem Start raus, ob ich unser Haus sehe.

ZEITmagazin: Haben Sie Heimatgefühle, wenn Sie da unten den See erkennen?

Schumacher: Ist immer wieder ein schönes Gefühl, ja. Die Gegend ist einfach traumhaft. Deshalb haben wir damals entschieden, uns in der Genfer Ecke niederzulassen. Die Landschaft. Hier fühlen wir uns zu Hause. Trotz meiner nicht vorhandenen Französischkenntnisse.

ZEITmagazin: Was waren die Kriterien bei der Haussuche?

Schumacher: Die Privatsphäre. Und die Sicherheit. Das musste gewährleistet sein. Und dann Sauberkeit natürlich.

ZEITmagazin: Sauberkeit?

Schumacher: Ich finde es immer extrem auffällig, wenn ich international pendele und zurückkomme, wie sauber alles ist. Da liegen keine Plastiktüten am Straßenrand. Alles ist schön, die Straßen sind in Ordnung.

ZEITmagazin: Was vermissen Sie, wenn Sie an Deutschland denken?

Schumacher: Am meisten wohl, dass ich nicht so schnell mal meinen Vater besuchen kann. Oder die alten Kumpels immer um mich rum habe.

ZEITmagazin: Haben Sie Heimweh nach den hohen Steuersätzen?

Schumacher: Nicht wirklich.

ZEITmagazin: Heimweh nach anständigem Brot?

Schumacher: Ich habe gern kräftiges Körnerbrot. Aber das findet man mittlerweile auch hier. Es gibt ja sogar Aldi.

ZEITmagazin: Warum sitzen Sie eigentlich nicht vorne im Cockpit? Ein Pilotenschein fehlt noch in Ihrem Portfolio.

Schumacher: Ganz einfach: Da vorne zu sitzen ist mir zu langweilig. Start und Landung sind interessant, der Rest ist Routine. Außerdem: Ich fliege oft lange Strecken, da brauche ich einen ziemlich großen Flieger, und dann würde ich in dem engen Cockpit sitzen, und hinten in der schönen großen Kabine sitzt niemand. Das macht nicht wirklich Sinn.

ZEITmagazin: Aber probiert haben Sie’s mal?

Schumacher: Ich versuche gerne alles, ja. Helikopter find ich spannender. Aber auch das ist nicht so prickelnd. Ich springe lieber aus dem Flugzeug.

ZEITmagazin: Mit oder ohne Fallschirm?

Schumacher: Mit natürlich. Da oben an der Kante vom Flieger zu stehen, das ist schon intensiv. Vor dem ersten Mal hatte ich noch richtig Höhenangst. Wenn man mal fliegt, ist das unglaublich schön. (Schumi zeigt auf eine Banane im Früchtekorb.) Chiquita war einer meiner ersten Sponsoren.

ZEITmagazin: Echt?

Schumacher: Ja. Das war so um 1989 rum. Ich war damals noch in der Formel 3. Das ganze Team musste immer Bananen essen. Bananenkompott zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Abendessen.

ZEITmagazin: Ausgerechnet Bananen.

Schumacher: Vor jedem Rennen bin ich zum Händler und hab die Bananen abgeholt. Zwei Kisten. Die wollten wir nicht vergehen lassen.

ZEITmagazin: Hätten Sie damals gedacht, dass aus Ihnen mal der siebenfache Formel-1-Weltmeister wird?

Schumacher: Nein. Wir hatten keine finanziellen Möglichkeiten von zu Hause, um wirklich in den Rennsport einzusteigen. Ich war abhängig von anderen Menschen, die mich unterstützt haben. Ich war immer nur froh, es bis dahin geschafft zu haben, wo ich gerade war. Wenn’s noch weitergeht, gut, wenn nicht, dann hab ich eine tolle Zeit gehabt.

ZEITmagazin: Sie waren nie ein Träumer?

Schumacher: Ich träume nachts, aber tagsüber bin ich Realist.

ZEITmagazin: Was ist das für ein Kruzifix, das Sie am Hals tragen?

Schumacher: Das ist ein Geschenk von Jean Todt. Seine Frau Michelle hat das entworfen, glaube ich.

ZEITmagazin: Sind Sie abergläubisch?

Schumacher: Schon ein bisschen, ja.

ZEITmagazin: Hatten Sie einen Talisman im Rennwagen dabei?

Schumacher: Ja, ein Amulett von Corinna. Ich bin auch immer nur von links ins Auto eingestiegen. Das hat mir Glück gebracht.

ZEITmagazin: Sie mögen offenbar Schmuck. Da leuchtet auch eine Brillantkette an Ihrem Handgelenk.

Schumacher: Ja, ich bin zufällig darauf gestoßen, in Dubai. Ich hab dann gehandelt und die Kette für den halben Preis gekriegt.

ZEITmagazin: Wie würden Sie Ihren Kleidungsstil beschreiben?

Schumacher: Ich bin eher auf der lockeren Seite. Und setze dann gern Akzente. Corinna berät mich da und bewahrt mich vor dem Schlimmsten.

ZEITmagazin: Würden Sie gern so aussehen wie George Clooney?

Schumacher: Ich meine, jeder hat ja irgendwas an sich auszusetzen. Wenn ich bestimmte Körperteile ändern könnte, würde ich das vielleicht tun. Auf der anderen Seite sage ich mir: Ich bin der, der ich bin.

ZEITmagazin: Was ist Ihre Meinung zu Obama?

Schumacher: Guter Mann, glaube ich. Aber wenn ich höre, was meine amerikanischen Freunde sagen, dann muss er aufpassen. Die Waffenlobby mag keine Leute, die für mehr Frieden auf der Welt sind.

ZEITmagazin: Interessiert Sie Politik?

Schumacher: Ich kümmere mich nicht groß darum. (Schaut aus dem Fenster.) So, gleich sind wir da. Wahnsinn, wie viele Seen es in Portugal gibt.

Abends, im Hotel. Etwas Unglaubliches ist passiert. Nicht hier in Faro, sondern in São Paulo. Der letzte Grand Prix der Saison: Felipe Massa (Ferrari) liegt in Führung, er ist quasi schon Weltmeister, da holt Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) auf und greift sich im allerletzten Moment den Titel. Eine Nervenschlacht. Wir wollten das Rennen ursprünglich gemeinsam im Hotel anschauen, wo es RTL gibt, aber der größte Rennfahrer aller Zeiten kam nicht rechtzeitig von der Motorradstrecke weg. Er musste den historischen Moment im Fahrerlager auf einem unverständlichen portugiesischen Sender verfolgen. Ärgerlich.

21 Uhr. Schumi klopft an meine Zimmertür. Zusammen das Rennen anschauen, wenigstens die Zusammenfassung. Jetzt laufen aber die "Simpsons". Wir öffnen ein Fläschchen Rotwein. Schumi schaltet um auf DSF. Fußball. Er mag die "Simpsons" nicht. Aber den Wein.
Endlich: CNN zeigt den Showdown von São Paulo. Es ist nicht das erste Rennen, das Michael Schumacher ohne Helm mitmacht. Aber es ist definitiv mein erstes Rennen in einem portugiesischen Hotelzimmer – mit Michael Schumacher.

ZEITmagazin: Was für eine Tragödie für Ferrari!

Schumacher: Felipe Massa hat alles richtig gemacht. Er hatte einfach Pech. In der letzten Runde fing es plötzlich stärker an zu regnen, Timo Glock bekam Probleme: Seine Reifen waren schon dreißig Runden alt. Mit abgefahrenen Reifen im Nassen im Rennen zu bleiben, das allein ist schon ein Lob wert. In einer Kurve kurz vor Schluss hat Hamilton dann Timo überholt und wurde Weltmeister. Wäre Timo vorne geblieben, wäre Felipe Weltmeister geworden. Ja, so ist das.

ZEITmagazin: Wie geht man mit so einer Situation um? Massa hatte den Sieg schon in der Tasche, und dann plötzlich – doch nicht.

Schumacher: Das Wichtigste ist Zeit. Er muss das verarbeiten.

ZEITmagazin: Haben Sie Felipe Massa angerufen nach dem Rennen?

Schumacher: Nein. Ich sehe ihn nächstes Wochenende. Er will sicher lieber in Ruhe gelassen werden. Ich wäre in dieser Situation am liebsten allein.

ZEITmagazin: Als Sie das Rennen verfolgten, hat es Sie in den Fingern gejuckt?

Schumacher: Nee. Ich habe alles erreicht, was man erreichen kann in dem Geschäft. Ich fiebere natürlich mit. Aber mich selber reizt es nicht mehr.

ZEITmagazin: Echt?

Schumacher: Echt. Das Kapitel ist für mich abgeschlossen.

ZEITmagazin: Erstaunlich, dass Sie so schnell Distanz gefunden haben.

Schumacher: Ja, das hätte ich auch nicht gedacht. Das war ja ein großes Fragezeichen: Wie wird sich mein Leben danach entwickeln? Wie werde ich mit solchen Situationen umgehen, wenn ich ein Rennen vorm Fernseher verfolge? Aber ich habe zum richtigen Zeitpunkt aufgehört, glaube ich. Mein Akku war schon ziemlich leer. (Schumi steht auf.) Ist ganz schön spät. Reden wir morgen weiter, einverstanden?

ZEITmagazin: Noch eine Frage: Warum mögen Sie die Simpsons nicht?

Schumacher: Da gibt’s andere Dinge, die ich lustiger finde. Wir waren zum Beispiel neulich bei Paul Panzer, bei seiner Liveshow. Witzig! Ein richtiger kölsche Jung. Der hat bei uns schon einige Abende gefüllt mit seinen Radio-Interviews, die wir auf dem Computer haben. Corinna kann ihn großartig nachmachen. Da schießte dich weg.

Frühstück. Michael Schumacher greift sich ein Müsli vom Hotelbuffet. Er hat einen langen Tag vor sich. Ein Tag unterm Helm, endlich wieder. Am Vormittag wird er die WM-Maschine des Superbike-Teams von Yamaha testen, am Nachmittag die Ducati. Die Rennstrecke bei Portimão, in der Nähe von Faro, ist nicht ohne. Da muss man mit 150 Stundenkilometern in die Kurven reinrasen, um vorne dabei zu sein. Spitzengeschwindigkeit ist 340. Das schnellste Müsli von Portugal.

ZEITmagazin: Faszination Motorrad. Wie ging das los?

Schumacher: So 1994, da kam die erste Harley ins Spiel. Die hat mir der Willi geschenkt, mein Manager. Damit habe ich viel Spaß gehabt, Corinna auch. Zusammen sind wir durch die Weltgeschichte gedüst. Natur genießen. Vor zwei Jahren etwa hatte ich das Gefühl, so, nun ist das mit der Harley ausgereizt. Da habe ich einen Freund bei KTM gefragt, ob er nicht irgendwas Spezielleres hat. Kurz darauf bin ich dann mit einem Kumpel nach Fiorano gefahren, auf die Ferrari-Rennstrecke, und da sind wir dann auf verschiedenen KTM-Modellen rumgepest.

ZEITmagazin: Was sind die Ziele?

Schumacher: Es gibt keine Ziele. Seriöse Meisterschaften zu gewinnen, das ist nicht mehr drin, da habe ich zu spät angefangen. Ich habe meine Profikarriere hinter mir, jetzt suche ich mir Dinge aus, die Spaß machen.

ZEITmagazin: Wenn Sie sich da mit über 150 in die Kurve reinlegen, sieht das nicht nach Spaß aus, sondern nach Lebensgefahr.

Schumacher: Man muss wissen, ab welchem Punkt das Risiko nicht mehr kalkulierbar ist. Ich fahre immer genau am Limit. Aber dann gibt’s natürlich die Schicksalsmomente, so wie bei mir damals in Silverstone, wo eine Bremsleitung kaputtging – da ist man machtlos.

ZEITmagazin: Die meisten unserer Leser sind keine Rennfahrer. Bitte schildern Sie doch mal, was abläuft, wenn man im Formel-1-Cockpit sitzt.

Schumacher: Nehmen wir Malaysia, da ist die Strecke sehr anstrengend, weil die Luft extrem heiß und feucht ist. Gemessene Temperatur im Cockpit: um die 60 Grad. Es gibt auf der Strecke eine lange Gerade, da liegt die eine Hälfte in der Sonne, die andere im Schatten. Ich kann mich noch gut an ein Rennen erinnern, da bin ich immer auf der schattigen Seite gefahren, weil’s da ein, zwei Grad kühler war. Einige Kollegen sind fast kollabiert. Man dehydriert schnell. Und du bist ständig damit beschäftigt, an irgendwelchen Knöpfen rumzufummeln, für die Feineinstellung. Gleichzeitig kommunizierst du mit dem Team, reagierst auf den Verkehr und musst blitzschnell über die Strategie nachdenken. Und nebenher fährst du auch noch Auto. Möglichst am Limit.

ZEITmagazin: Welche Eigenschaften haben Sie prädestiniert, der beste Rennfahrer aller Zeiten zu werden?

Schumacher: Mit der Bezeichnung hadere ich. Das hört sich so arrogant an. Talent, Disziplin, Erfahrung sind Grundvoraussetzungen. Am Ende entscheiden viele Details, wie bei der Feinabstimmung des Motors.

ZEITmagazin: Wie hart muss man sein, um Erfolg zu haben? 2003 in Imola. Sie hatten kurz vor dem Rennen die Nachricht erhalten, dass Ihre Mutter gestorben war. Trotzdem stiegen Sie ins Cockpit  – und wurden Sieger.

Schumacher: Das war sicherlich nicht einfach, nicht für mich, auch nicht für meinen Bruder. Trotzdem, es stand eigentlich nicht wirklich zur Debatte, dass ich nicht fahren würde. Man hat seine Verpflichtungen. Und es mag jetzt hart klingen, aber: Das ist nun mal so im Leben, jeder verlässt irgendwann den Planeten. Das ist der normale Werdegang. Wir wussten, wie es um unsere Mutter stand, wir hatten uns damit ja schon auseinandergesetzt. Das heißt nicht, dass ich damit beim Rennen nicht zu kämpfen hatte. Ich muss aber gestehen, dass das Cockpit für mich in dieser Situation wahrscheinlich der beste Ort war. Ich war absolut für mich alleine. Ich sehnte mich da richtig rein.

ZEITmagazin: Konnten Sie sich konzentrieren?

Schumacher: Ja. Aber das war wahrscheinlich das einzige Rennen, bei dem praktisch gar nicht über Funk geredet wurde. Das Team war da sehr rücksichtsvoll. Das lag natürlich daran, dass ich eine sehr enge Freundschaft zu Jean Todt hatte und bis heute habe. Das Team war meine Familie.

ZEITmagazin: War das der härteste Moment Ihrer Karriere?

Schumacher: Der tödliche Unfall von Ayrton Senna 1994 war auch so ein extremer Moment. Ich war total geschockt, dass in unserem Sport solche Tragödien passieren können. Das hat mich wachgerüttelt.

ZEITmagazin: Wie geht Ihre Familie mit dem Thema um? Papa geht auf Dienstreise, und vielleicht kommt er nicht mehr zurück.

Schumacher: Das Schicksal trifft uns alle irgendwo, irgendwann. Wenn ich mich davor fürchte, habe ich ein Problem. Ich bin nie von zu Hause weggegangen mit der Angst, vielleicht komme ich nicht zurück, sondern mit dem Gefühl: Hoffentlich gewinne ich das Rennen. Und meine Kinder haben mir die Daumen gedrückt.

ZEITmagazin: Haben Sie Ihr Testament gemacht?

Schumacher: Klar. Das würde ich übrigens auch jedem empfehlen, der nicht Formel 1 fährt.

ZEITmagazin: Wie fährt Michael Schumacher im normalen Straßenverkehr?

Schumacher: Wenn du in der Schweiz den Führerschein behalten möchtest, musst du den Schalter umlegen. Ich bin natürlich gern flott unterwegs, es ist schon vorgekommen, dass ich geblitzt wurde. Manchmal werde ich aber nur kontrolliert, weil die Polizisten ein Autogramm wollen.

ZEITmagazin: Sind Sie ein guter Beifahrer?

Schumacher: Corinna fährt sehr gut. Sie ist auch früher Kart gefahren. Aber grundsätzlich sitze ich schon lieber selber am Steuer.

ZEITmagazin: Erzählen Sie ein bisschen von Corinna.

Schumacher: Corinna ist eine offene, liebenswerte Frau. Sie ist harmoniebewusst, wie ich. Familie kommt bei ihr an erster Stelle, trotzdem ist sie kein Hausmütterchen. Ich kann dem Kollegen (er zeigt mit dem Finger in Richtung Himmel) dankbar sein, dass ich Corinna habe. Wir passen einfach zusammen. Wir freuen uns immer noch, nach mehr als 18 Jahren, miteinander zu quatschen. Oder uns in den Arm zu nehmen.

ZEITmagazin: Wie muss man sich Ihr Zuhause vorstellen?

Schumacher: Sehr gemütlich. Sehr warm. Viel Holz. Das Haus ist ja nicht klein, da war es nicht leicht, Atmosphäre reinzukriegen. Das ist völlig in Corinnas Hand, da lass ich ihr auch freien Lauf.

ZEITmagazin: Wie viele Hunde leben gerade bei Ihnen?

Schumacher: Fünf. Zwei große, ein Wachhund und ein Spielhund. Der dritte ist ein Australian Shepherd, ein Pferdehund. Dann noch zwei kleine Mischlinge aus Mallorca. Corinna ist eine, die die Welt retten möchte. Besonders Tiere, die sich nicht selber helfen können. Jedes Mal, wenn wir von Mallorca zurückkommen, ist unser Flieger eine Arche Noah.

ZEITmagazin: Sie haben einen interessanten Klingelton auf Ihrem Handy.

Schumacher: Weiß gar nicht genau, was das für eine Melodie ist. Ich finde sie einfach gut. Ein Kumpel hat sie für mich runtergeladen. (Führt vor.)

ZEITmagazin: Das Pfeifen mit Orchester klingt so ähnlich wie "Spiel mir das Lied vom Tod".

Schumacher: Ja, kann sein.

ZEITmagazin: Fühlen Sie sich manchmal als einsamer Cowboy?

Schumacher: Cowboy, ja. Die Atmosphäre gefällt mir, auf dem Pferd sitzen, dann am Lagerfeuer mit Freunden, Bier trinken, Zigarre rauchen. Haben wir auch oft genug gemacht. Aber einsam? Nee. Das Leben ist erst richtig schön, wenn man es in der Gemeinschaft genießen kann.

ZEITmagazin: Ahnt man gar nicht, dass Sie so ein geselliger Typ sind.

Schumacher: Wenn ich Fußball spielen will, ist das schwierig allein, oder? Genauso Kartenspielen. Ich setz mich nicht alleine vor den Fernseher und mache einen Wein auf. Okay, manchmal vielleicht, aber es ist doch lustiger, wenn ich das mit Freunden teilen kann. Oder Motorradfahren. Mit Kumpels am Motor rumschrauben, fachsimpeln und abends dann ein Bierchen trinken. So ein Clübchen, das hab ich gern.

ZEITmagazin: Sind Sie für Ihre Freunde auch nachts um drei erreichbar?

Schumacher: Klar. Oft genug vorgekommen.

ZEITmagazin: Wenn Ihr Leben ein Film wäre, was wäre die Titelmelodie?

Schumacher: Spontan fällt mir Eye of the Tiger von Survivor ein.

Abends, in der Hotelbar. Zwei Bier, bitte. Schumi ist zufrieden. Er ist heute schneller gefahren als Randy Mamola, der vierfache Vizeweltmeister. Nicht übel. Prost. Zeit für eine gute Zigarre. Der Kellner schneidet sie sorgfältig an, serviert sie auf einem silbernen Tablett. Schumi macht sich zum Paffen parat, da sagt der Kellner: "Rauchen in der Bar verboten", und weist in Richtung Terrasse. Heimweh kommt auf. In der Schweiz darf ungehindert gequalmt werden.

Wo ist der Mann mit dem Tunnelblick geblieben? Wo ist der unnahbare Autist, an dem alle Fragen abprallen, die nicht mindestens 600 PS haben? Er ist aufgetaut in den letzten zwei Tagen. Auch auf Fragen, die nur 2 PS hatten, reagierte er mit einem Lachen. Sogar ein bisschen Privates hat er ausgeplaudert. Er ist lässig. Er hat Humor. Kurz: Er ist ein Mann, mit dem man gern ein Bier trinkt. Ein kölsche Jung. Dabei behält er immer die Aura der lebenden Legende.

Und jetzt? Zu dieser Geschichte gehört, dass sie manchmal merkwürdige Kurven macht. Zwei Kumpels tauchen in der Bar auf, Schumi umarmt sie herzlich. Der eine ist Mechaniker, der andere Ingenieur im Rennstall Holzhauer. Michael Schumacher, der siebenfache Formel-1-Weltmeister, fährt Motorrad fürs Team Holzhauer aus Wittenberge in der Prignitz. Er ist sich für nichts zu schade, was einen Motor hat und Spaß macht. Die beiden Männer sind 3000 Kilometer am Stück gefahren, ohne Pause, um Schumis Maschine von Wittenberge nach Portimão zum Reifentest zu transportieren. Jetzt haben sie Durst. Lassen wir die drei unter sich. Schumi und sein Clübchen.

Christian Kämmerling, 55, Mitgründer und langjähriger Chefredakteur des "SZ-Magazins", wird künftig für das ZEITmagazin und "Das Magazin", Zürich, Interviews führen.