"Einmal auf einem Drachen reiten" – Seite 1

Mein Alltag und meine Arbeit sind durchdrungen von Träumen und Fantasie. Manchmal stelle ich mir vor, irgendwo sitzt gerade ein mir unbekannter Autor an seinem Schreibtisch und schreibt mein Leben.

Jeder lebt in seiner eigenen Realität, die davon definiert wird, was wir uns wünschen, wovon wir träumen, was wir fürchten. Wir beschäftigen uns ständig mit Vergangenheit und Zukunft, selten mit der Gegenwart. Aus diesem Gespinst entsteht unsere Wirklichkeit. Während wir beispielsweise ein Marmeladenglas öffnen, sind unsere Gedanken an tausend anderen Orten.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, in meine eigenen Bücher eintauchen zu können, so wie Fenoglio in den Tinten-Büchern. Eine wunderbare Vorstellung! Ich würde allerdings immer wieder aus den Büchern zurückkommen. Ich lebe einfach zu gern in unserer Welt.

Trotzdem möchte ich andere Zeiten erkunden. Ich träume von einer Zeitmaschine. Vor allem das 12. und 13. Jahrhundert würde ich gern besuchen. Ich träume seit Jahren davon, für ein paar Wochen ein marodes Schloss in Schottland zu mieten und dort einen Ritterroman zu schreiben. Zuvor würde ich ins mittelalterliche England reisen. Heute spielt sich das Leben doch meist hinter verschlossenen Türen ab. Auf romantische Weise träume ich von einer Zeit, in der das Leben unmittelbarer war und auf der Straße stattfand; in der alle erleben konnten, wie gebacken, geschlachtet und auch gestorben wird. Das ist uns abhandengekommen. Dadurch sind wir zwar seltener mit Grausamkeit und Tod konfrontiert, ich frage mich aber, ob es so gut ist, dass viele beängstigende Erfahrungen aus dem Alltag wegzensiert werden.

Schon lange träume ich davon, auf einem Drachen zu reiten. Drachen sind für mich das Symbol der Natur. Ich mag ihre Größe, ihre Kraft. Kaum eine Kreatur, die der Mensch ersonnen hat, ist so gewaltig wie ein Drache. Ich hätte gerne einen Drachen in meinem Garten.

Mein sehnlichster Traum allerdings ist ein Unverletzlichkeitszauber für meine Kinder. Ich habe oft große Angst um die beiden. Vor allem seit mein Mann vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist. Wenn man so einen Verlust erlebt hat, erscheint es einem realistisch, dass auch anderen geliebten Menschen Leid widerfährt.

Mein Mann taucht immer noch regelmäßig in meinen Träumen auf. Es sind ganz alltägliche Situationen, wir essen gemeinsam oder streiten uns, er ist einfach wieder da. In meinem Traum wundere ich mich dann und frage mich, wie das möglich ist. "Vielleicht", sage ich mir im Traum, "war sein Krebs ja doch heilbar." Es ist, als würde ich im Traum die Realität umschreiben.

"Einmal auf einem Drachen reiten" – Seite 2

Aufgezeichnet von Jörg Böckem

Cornelia Funke, 50, wurde im westfälischen Dorsten geboren und lebt heute in Los Angeles. Ihre Werke, darunter "Die wilden Hühner, Herr der Diebe" und vor allem die Trilogie "Tintenherz, Tintenblut und Tintentod", wurden weltweit millionenfach verkauft, eine "Tintenherz"-Verfilmung läuft derzeit im Kino. 2005 ernannte das Time-Magazin Funke zu einer der "100 einflussreichsten Personen der Welt".

Zu hören unter www.zeit.de/audio