Zehn Bus- und weitere fünfzehn Fußminuten vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt liegt auf dem Industriegelände des Großmarkts das Deutsche Zusatzstoffmuseum. "Nicht ganz einfach zu finden", wie es schon auf der Homepage heißt. Untergebracht in einem ehemaligen Edeka-Gebäude, wird es umzingelt von Sattelschleppern und Kühlhäusern, die wahrscheinlich bis obenhin gefüllt sind mit dem, was im Museum ausgestellt ist: E-Nummern.

Wo diese Substanzen in der industriellen Realität Verwendung finden, zeigt eine Dauerausstellung, die einzelne Produkte analysiert und dabei durch den geschickten Einsatz von Fototapeten wie ein Supermarkt wirkt. Die Freude am Einkaufen wird mir hier allerdings gründlich verdorben.

Schon vermeintlich unverdächtiges Obst, so lerne ich, bekommt lange vor meinen Zähnen die Chemiekeule zu spüren. Um dem Austrocknen vorzubeugen, werden Apfel, Pfirsich und Co nämlich mit Schellack (E 904) lackiert. Früher presste man daraus Schallplatten, heute benutzt man es auch als Möbelpolitur. Dass es aus Schildläusen gewonnen wird, ist ebenfalls ein bisschen eklig – wenn auch biologisch und medizinisch deutlich unbedenklicher als Natrium-Orthophenylphenol (E 232), ein pilztötendes Pestizid für Zitrusfrüchte, das "im Tierversuch in höherer Dosis Leberschäden und Nierenkrebs verursacht".

Herausgefunden hat das, so entnehme ich den Informationstafeln, ein gewisser Udo Pollmer. Der Lebensmittelchemiker publiziert regelmäßig Titel wie Iss und stirb, Esst endlich normal oder Wer gesund isst, stirbt früher. Ihm ist es also ernst. Darum beriet er auch den Tiefkühlkonzern Frosta, als der im Jahr 2003 seine Produktpalette auf Öko umstellte.

Von Öko ist hier im Zusatzstoffmuseum natürlich keine Spur. Das "natürliche" Aroma meines Himbeerjoghurts etwa wird, so muss ich erschüttert zur Kenntnis nehmen, aus Zedernholzspänen gewonnen. Immer noch besser als sogenannte "naturidentische" Aromen – die sind nämlich vollkommen künstlich. Für Bananengeschmack beispielsweise kippt man Alkohol, Essig- und Schwefelsäure im Verhältnis 4:5:1 zusammen. Mahlzeit. Auch von Feinkost-Fleischsalat werde ich zukünftig wohl die Finger lassen. Die Auswirkungen der oft verwendeten Konservierungsstoffe Kaliumsorbat (E 202) und Natriumbenzonat (E 211) auf meine Darmflora sind laut Pollmer "noch unerforscht", insbesondere im Hinblick auf antibiotikaresistente Bakterien, die sich dort womöglich schon tummeln.

Allmählich wird mir mulmig. Selbst so profane Gewürze wie Salz wirken nun bedrohlich. Als Trennmittel, im Fachjargon auch "Rieselhilfsstoffe", verwendet man Kreide (E 170), das unter Krebsverdacht stehende Talkum (E 5536) oder Kaliumferrocyanid (E 536), auch Blutlaugensalz genannt. Letzteres wurde früher aus "Blut, Hornspänen und tierischen Resten" gewonnen. In diesem Fall bin ich für die Segnungen der modernen Synthetik sehr dankbar. Kartoffelstärke dagegen ist heute fast nur noch in "modifizierter" Form anzutreffen. Dazu wird sie mit Natriumhypochlorit ("benutzen Zahnärzte zur Desinfektion bei Wurzelbehandlungen"), Propylenoxid ("findet bei der Bauschaumherstellung Verwendung") oder Peroxyessigsäure ("gebräuchlich zur Textilienbleichung") behandelt. Kann einem fast leidtun, die arme Stärke, denke ich, während ich der Rubrik "Süßigkeiten" entgegentaumele.

Dass Gummibärchen gefärbt werden, war mir ja klar. Nicht aber, dass die früher verwendeten Azo-Farbstoffe gelbes Tartrazin (E 102), rotes Carmoisin (E 122) oder rosa Erythrosin (E 127) auf lange Sicht Neurodermitis, Krebs oder das "Zappelphilippsyndrom" ADHS auslösen können. Auch beim Auswärtsessen ist Vorsicht geboten: Eine Überdosis des Geschmacksverstärkers Glutamat (E 620–625) ruft laut Pollmer oft das "China-Restaurant-Syndrom" hervor – Kopfschmerzen, Hautausschlag, Taubheitsgefühle.