Anette Stein, Bertelsmann Stiftung

Expertin für frühkindliche Bildung

Ja und nein. Abgesehen von der alles überschattenden Finanzkrise, steht Bildung auf Platz 1 in Öffentlichkeit und Politik. Reformerfolge gibt es in Einzelbereichen wie dem Ausbau von Ganztagsschulen und den Angeboten für unter Dreijährige. Bislang kommt die Qualität aber zu kurz. Die größte Herausforderung ist seit Jahren ungelöst: Kinder und Jugendliche haben keine fairen Bildungschancen, und Deutschland hat keine Gesamtstrategie zur Lösung.

Es wurde zu viel gemacht und zu wenig strategisch geplant und abgestimmt. Der Reformaktionismus hat die pädagogische Praxis kaum befördert und Pädagogen und Leitungen vielfach überfordert. Den vielen Einzelreformen fehlen die gemeinsamen Ziele und ein Leitbild, das den Lernerfolg aller Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellt.

Innehalten! Und gemeinsam definieren, welche Ziele unser Bildungssystem und die einzelnen Bereiche insgesamt erreichen sollen. Die größte Herausforderung sind die Diversität unserer Bevölkerung und die Frage, wie heterogene Lerngruppen erfolgreich miteinander lernen können. Entsprechend diesen Zielen müssen dann auch Ressourcen verteilt werden.

Bestehende Bildungsungleichheiten sind nicht akzeptabel. Das Thema geht alle an. Und eine Gesamtreform ist nur unter Beteiligung aller möglich. In der föderalen Finanzverteilung müssen Länder und Kommunen ausreichende Ressourcen haben, um gute Bildungspolitik umsetzen zu können. Bestehende Herausforderungen scheinen mir nur lösbar durch eine Balance von zentraler Standardsetzung und dezentraler Vielfalt.

Aus ökonomischer Sicht: in gute frühe Bildung in sozialen Brennpunkten. Das bringt die größten Gewinne. Aus persönlicher Sicht: in die Wette, dass wir uns in fünf Jahren noch in ideologische Bildungsdebatten verbeißen, statt kluge Wege für lebenslanges Lernen zu finden.