Unangenehm sind Menschen, die von klein auf alles bekamen, was sie sich gewünscht hatten: die Carrera-Bahn, Barbie und Ken, einen (bei Lichte besehen) hässlichen Plüschhund. Ein Erziehungsfehler, der sich im Alter bitter rächt. Wer den ersehnten Hund erhalten hat, giert frühzeitig nach dem Erbe. Besser: die Kinder ans Darben gewöhnen, stets nur fast alle Wünsche erfüllen, damit sie frühzeitig achselzuckend so schöne Floskeln aufsagen können wie: "Das Leben ist kein Wunschkonzert."

Gereift leben wir immer in dem Bewusstsein unseres unstillbaren Begehrens. Irgendetwas fehlt ja immer. Befinden wir uns in einer robusten Ehe, denken wir an die fiebrige Lust einer Affäre. Haben wir eine fiebrige Affäre, schmücken unsere Gedanken einen festen Partner zum ewigen Lebensglück aus. Der bestmögliche Zustand, den wir erreichen können: halbwegs zufrieden zu sein.

Geschenke, die ich unverhofft bekam, sind mir haften geblieben. Zwei Wochen vor Weihnachten lag ich in bedämmerter Stimmung im Bett. Ich mag wohl etwa fünf Jahre alt gewesen sein und hatte Mumps oder Masern, eine dieser Kinderkrankheiten. Meine Mutter muss ein Anfall heftigen Mitleids überkommen haben. Jedenfalls beschloss sie, Weihnachten vorzuverlegen, und platzierte auf dem Krankenbett ein pädagogisch inspiriertes Geschenk: eine elektronische Weltkarte.

Mit dem elektronischen Stift konnte man auf Länder tippen, dann leuchteten die entsprechenden Hauptstädte auf – in Grün, Rot, Pink. Ein seltsames Geschenk, im Rückblick betrachtet, aber doch eines, das (da Elektronisches in jener Zeit ganz und gar Geheimnisvolles in sich barg) mich eine Weile in ferne Welten reisen ließ.

An die Geschenke, die ich ganz wunschgemäß bekam, erinnere ich mich nicht mehr. An eines, das ich nie bekam, schon: ein Schaukelpferd, das ich, Monate vor Weihnachten bereits, in einem Geschäft erblickt hatte. Ich wollte ein kriegerischer Indianer sein, und Indianer, das wusste ich aus Fernsehfilmen, mussten reiten. Meine Eltern bekundeten am Weihnachtsabend, dass sie das Pferd zwar zu kaufen beabsichtigt hatten, es aber ausverkauft gewesen sei (der traurige, sogenannte Heilige Abend spielte sich im polnischen Toruń ab, wo wir damals noch wohnten, samt Versorgungskrise, Mangelwirtschaft, Stromausfällen und so weiter).

Jahre später, während des Kommunionunterrichts in Deutschland, erzählte der Pfarrer die bekannte Geschichte vom verlorenen Sohn, der sein Erbteil in fernen Ländern verprasst. Der ältere Bruder sorgt derweil aufopferungsvoll für beider Vater. Als der Jüngere ausgehungert zurückkehrt, lässt der Vater ihn prachtvoll einkleiden und veranstaltet ein großes Fest. Da ist der Jüngere froh. Dieses ungerechte Geschenk passt allerdings dem Älteren, wie sich denken lässt, nicht. Doch der Vater sagt feierlich: "Du bist immer bei mir gewesen, was mein ist, ist dein. Freue dich über die Rückkehr deines Bruders, der tot war und wieder lebendig geworden ist."

Es brauchte noch viele Jahre, bis ich begriff, dass einen das Glück stets unerwartet ereilt und dass es ungerecht ist. Und dass jeder Wunsch, der pflichtgemäß erfüllt wird, den Beschenkten vergiftet.