Tödliche Konflikte sind im Tierreich nichts Ungewöhnliches. Doch nur der Mensch ist fähig, so viele Exemplare der eigenen Art zu töten, dass dies den Verlauf seiner Evolution verändert. In prähistorischen Gräbern liegt eine stattliche Anzahl von Männern und Frauen mit zerschmetterten Schädeln und Spuren von Steinwaffen auf ihren Knochen. Solche Funde und ethnografische Studien über heutige Jäger und Sammler weisen darauf hin, dass Kämpfe mit die wichtigste Todesursache der Urvölker waren. Gleichzeitig sind Menschen außergewöhnlich kooperativ. Sie arbeiten mit Nichtverwandten in einem Maß zusammen, das aus dem Tierreich unbekannt ist. Ausgerechnet die grausigen Belege unserer gewalttätigen Vergangenheit könnten dabei helfen, unsere auffallend kooperative Natur zu erklären.

Diese »geschmacklose« Idee basiert auf der Entwicklung dessen, was wir »parochialen Altruismus« nennen. Altruismus bedeutet, zugunsten anderer auf einen Vorteil zu verzichten. Parochialismus bedeutet, dass man Gruppenzugehörige gegenüber Außenseitern bevorzugt. Beide Verhaltensweisen sind häufig und gut dokumentiert.

Die Eingeborenenstämme der Wolimbka und der Ngenika, die im westlichen Hochland von Papua-Neuguinea leben, waren in ihrer jüngsten Vergangenheit nie in kriegerische Konflikte miteinander verstrickt. Doch wenn einer der Eingeborenen einen Haufen Geld zwischen sich und einem anderen aufteilen soll, gibt er dem anderen mehr, wenn dieser zu seinem eigenen Stamm gehört.

Aus evolutionärer Perspektive sind Altruismus und Parochialismus deshalb interessant, weil sie die Fitness und das materielle Wohlergehen eines Menschen eher herabsetzen, als sie zu erhöhen. Altruistische Handlungen lassen jemand anderem auf eigene Kosten den Vortritt. Im Falle des Parochialismus sind die Verhältnisse komplizierter; aber wenn sich ein Mensch Außenseitern gegenüber feindselig verhält, kann ihn das aus verschiedenen Gründen ebenfalls teuer zu stehen kommen: Ihm fehlen außerhalb seiner Gruppe Handelspartner und politische Verbündete, auch Freunde, die ihm in Notzeiten helfen könnten. Genau wie der Altruist geht der Parochialist also mit einem Handicap in das evolutionäre Rennen.

Warum haben sich beide Verhaltensweisen dennoch erhalten? Des Rätsels Lösung könnte sein, dass Parochialismus und Altruismus Synergieeffekte erzeugen. Meiner These zufolge haben parochiale Altruisten zwischen Gruppen unserer Vorfahren Konflikte um Nahrung oder Fortpflanzungspartner ausgelöst. Zugleich haben sie aber auch dazu beigetragen, dass ihre Gruppe erfolgreich aus diesen Auseinandersetzungen hervorgeht. Indem die Sieger immer neues Land eroberten, sicherten sie sich Fortpflanzungsmöglichkeiten, politischen und kulturellen Einfluss. Diese Vorteile könnten die selektiven Nachteile von Parochialismus und Altruismus schließlich überwogen haben. Sobald die Sieger- und Verlierergruppen sich in ihrem Erbgut oder ihrer Kultur stark genug unterscheiden, können solche Konflikte beträchtliche Auswirkungen auf die Evolution haben.