Sein Sohn sollte eine dem Rang der Familie würdige Ämterlaufbahn einschlagen, wünschte sich der Vater. Der Sprössling hatte aber anderes im Sinn. Nur zu gerne verließ er die ländliche Heimatstadt, "reich an kalten Wassern", lockte doch in der Metropole eine Welt nach seinem Geschmack. Nach Jahren blutiger Bürgerkriege blühten dort die schönen Künste, besangen Poeten eine raffinierte Lebenskunst – und zumindest die bessere Gesellschaft eiferte ihnen nach. In dieser Zeit politischer Stabilität und gelockerter Moral nutzte der junge Mann geschickt seine Chancen. Spielerisch pries er die Liebe und die Sinnenlust, besonders die in unkonventionellen Verhältnissen. Ein strenger Rhetoriklehrer warf ihm zwei Generationen später vor, er sei mit seinen Gaben unvorsichtig umgegangen und hätte Besseres leisten können, "wenn er es vorgezogen hätte, seinem Talent zu gebieten, statt ihm nachzugeben". Aber fehlender poetischer Ernst war nicht das Problem des Schützlings der Schönen und Reichen. Über seinen Tod hinaus blieben die Früchte seines Talents eine wahre Schatzkammer für Dichtung, Musik und bildende Künste. In einer die Welt erklärenden Geschichte vollzog er eine fruchtbare Synthese von alten Erzählungen und neuem Wissen.

Nach den freizügigen Jahren wurden ihm jedoch die von höchster Stelle geförderte Sittenstrenge und die harschen Gebote für Ehe und Familie bedrohlich. Die "kultivierte Lebensart", die er als Ideal pries, geriet nun in Widerspruch zur moralischen Aufrüstung. Listig entzog er sich den Tugendwächtern: In einem lockeren "How-to-Ratgeber" nutzte er die Doppelmoral und widmete die ersten beiden Bücher den Männern, beim dritten schloss er Ehefrauen als Adressatinnen expressis verbis aus.

Vom Gipfel des Erfolgs und des Glücks stürzte ihn der Zorn des mittlerweile zum Moralapostel konvertierten Herrschers. Wahrscheinlich hatte der Freigeist durch seinen Lebenswandel Anstoß erregt, überdies war er wohl in eine Ehebruchgeschichte am Hof verwickelt, die zur Staatsaffäre wurde. Ohne Urteilsspruch wurde er par ordre du mufti aus der Stadt entfernt in einen wenig bedeutenden Hafenort. Dort freundete er sich zwar im Lauf der Jahre mit den eher unkultivierten Verhältnissen an, lernte sogar eine in seinen Ohren misstönende Sprache, betrieb aber in der Hauptsache Kampagnen für seine Rückkehr. Der "soziale Tod" in der Einöde, den er vorausgesehen hatte, verschonte ihn gnädig. Häufiger, als er erwartet hatte, besuchten ihn Reisende, schnell stieg er zur lokalen Berühmtheit auf, verscherzte sich allerdings das Wohlwollen der Einwohner durch unaufhörliches Bejammern seines Schicksals und Klagen über das raue Land und die rohen Leute.

Die Stadt, in der er unerlöst starb, veranstaltet regelmäßig Kongresse zu seinen Ehren, und die Stadt, in der er geboren wurde, gedenkt seiner in ihrem Wappen.

Wer war's?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 52:
Erich Fried (1921 bis 1988) wuchs in Wien auf und emigrierte 1938 nach London. Er arbeitete bei Zeitschriften und bei der BBC und seit 1968 als freier Schriftsteller. Fried gilt als Hauptvertreter der politischen Lyrik in Deutschland und engagierte sich öffentlich als streitbarer Kämpfer für Demokratie und Freiheit. Er war dreimal verheiratet