Anfang 2007 ging ein überparteilicher Aufschrei durchs Land. Die Bundesregierung hatte ein neues Passgesetz vorgelegt, das vorsah, es künftig nicht mehr im Ausweis zu vermerken, falls der Inhaber Doktor ist. »Sozialistische Gleichmacherei« sah die damalige bayerische Bundesratsministerin (Doktor) Emilia Müller in dem Vorhaben, aber auch aus der SPD kamen Bedenken. Deren Innenexperte (Doktor) Dieter Wiefelspütz sagte: »Der Doktortitel ist Teil des Namens. Es spricht viel dafür, dass sich der Doktortitel in Pass und Personalausweis wiederfindet.«

Als promovierter Jurist hätte Wiefelspütz es eigentlich besser wissen müssen. Zunächst einmal ist der Doktor kein Titel, sondern ein akademischer Grad, vergleichbar mit dem Diplomingenieur oder dem Professor. Und damit gehört er nicht zum Namen – anders etwa als Adelstitel, die vor 1919 erworben wurden.

Dass der Doktor kein Namensbestandteil ist und deshalb niemand einen Anspruch darauf hat, mit Herr oder Frau Doktor angesprochen zu werden, haben Gerichte immer wieder bestätigt, etwa 1957 das Bundesverwaltungsgericht und 1962 der Bundesgerichtshof.

Eine Regelung hebt den Doktorgrad gegenüber anderen Graden heraus: eben die Möglichkeit, ihn in Ausweis oder Pass eintragen zu lassen. Allein die Tatsache, dass dies ausdrücklich im Gesetz steht, zeigt aber schon, dass er nicht zum Namen gehört – sonst wäre diese Erwähnung ja nicht nötig.

Weil sich der Bundesrat dem bayerischen Protest anschloss, gab die Bundesregierung ihr Vorhaben ohne große Diskussion auf – ihr ging es bei dem neuen Gesetz ohnehin um etwas anderes, nämlich die umstrittene Aufnahme biometrischer Merkmale in das Ausweispapier. Ihr stellvertretender Sprecher Thomas Steg erklärte, mit dem Verbleib des Doktors im Pass wolle die Regierung eine »deutsche Kulturtradition weitertragen«. Starke Worte angesichts der Tatsache, dass diese Praxis erst vor 20 Jahren gesetzlich fixiert wurde – der entsprechende Paragraf des Passgesetzes stammt aus dem Jahr 1988. Christoph Drösser

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