Es ist ein kleines Haus. Es ist ein fünfstöckiges Haus neben dem Trump Tower, es ist ein vollkommen schlichtes Haus mit einer die 58 Stockwerke des Trump Tower beschämenden Eleganz. Inmitten von rot-weißem Geflagge, von flackernder Weihnachtspracht, die in diesen Tagen New York und die Fifth Avenue geflutet hat, wirkt das Haus geradezu nackt. Fifth Avenue 727 hat nichts als extrabreite Tannenstreifen um extrakleine Schaufenster herum und ein wenig Geblitze, als habe jemand eine Handvoll Diamanten ins Grün geworfen.

Fifth Avenue 727 ist das Tiffany-Haus und frühmorgens wie ein Tresor verschlossen mit einem Portal aus gebürstetem eisgrauem Stahl. Man kann das Portal berühren. Ein Gefühl, als vereise die Hand. Man möchte die Wange an die Wand des Hauses legen und spürt unerbittlichen Granit. Man ist versucht, an dem rosa-weiß kristallisierten Stein zu lecken, Zunge raus, einmal Tiffany schlecken, vom Mythos kosten, huch, da jagt eine Meute gelber Taxis die Avenue hoch in Richtung Central Park. Da haben zu dieser Stunde die Vögel noch die Köpfe unter ihren Federdecken stecken. Es ist kurz vor sieben und in New York noch so still, wie es in dieser schönsten Filmszene war, als Holly Golightly vor Tiffany stand, alleine, eine Audrey Hepburn im schwarzen Abendkleid und mit nichts Warmem bei sich als einem Pappbecher lauen Kaffees, zum Frühstück bei Tiffany.

Tiffany & Co. ist der Inbegriff des amerikanischen Juweliergeschäfts. Tiffany wurde vor rund 170 Jahren gegründet und hat heute sogar eine Filiale im KaDeWe. Der Film Frühstück bei Tiffany basiert auf einer Novelle, die Truman Capote vor 50 Jahren veröffentlicht hat, und es ist eine der anrührendsten Novellen der amerikanischen Literatur. Capote erzählt darin die Geschichte einer Freundschaft, der eines schwulen Schriftstellers zu der Kindfrau Holly Golightly, Holly wie jolly wie fröhlich, Golightly wie leichtfüßig. Holly ist aus der amerikanischen Pampa ins verführerische New York geflüchtet und schlägt sich mit naiver Verwegenheit und amourösen Abenteuern durchs Leben.

"Sie trug ein enges, schlichtes schwarzes Kleid, schwarze Sandaletten und eine breite Perlenkette, die ihren Hals wie ein Reif umschloss. Bei all ihrer schicken Magerkeit strahlte sie eine Haferflocken-Gesundheit aus, eine Seifen- und Zitronen-Reinlichkeit, und auf ihren Wangen lag eine raue Röte. Sie hatte einen großen Mund und eine Stupsnase. Eine Sonnenbrille verbarg ihre Augen. Es war ein Gesicht, das nicht mehr ganz in der Kindheit zu Hause war…"

Holly ist auf der Suche nach dem Schönen, das sich so trügerisch wie das Wahre anfühlt. Sie ist gierig nach dem Schwips, den Champagnercocktails und fette Portefeuilles erzeugen, verrückt nach jenem traumwandlerischen Lebensgefühl, das rund um die Fifth Avenue und den Central Park Gestalt angenommen hat und auch heute aufzuspüren ist, unter dem rosa schimmernden Glashimmel des Plaza Hotel, auf den weiten Luxusetagen des Ritz-Carlton, in den mit Lüstern geschmückten Eingängen vornehmer Häuser. Was man braucht, ist ein langes Wochenende. Den einen oder anderen 50-Dollar-Schein. Und einen handtaschentauglichen Reiseführer in schwarzer Seide, Titel: Frühstück bei Tiffany.

Um eines klarzustellen, es gibt kein Frühstück bei Tiffany. Es hat nie eines gegeben. "Frühstück bei Tiffany" ist ein Scherz. Capote soll Tränen gelacht haben, als er hörte, wie ein Landei nach New York kam und auf die Frage, wo man denn frühstücken solle, "bei Tiffany" sagte, weil Tiffany das Einzige war, was er mit New York verband. Frühstück bei Tiffany ist ein Bild, es steht für Naivität sowie für etwas, das unerreichbar ist, undurchdringlich wie Granit und grau mattierter Stahl. Es steht für das Unmögliche. Für Sehnsucht.

Als Breakfast at Tiffany’s 1958 in der Zeitschrift Esquire erschien, war es die Geburt von Truman Capote als Autor, er wurde mit 34 Jahren berühmt. Heerscharen junger Frauen wetteiferten um die Ehre, ihm als Vorlage für Holly gedient zu haben. Die weiblichen Luxusgeschöpfe Amerikas erwählten sich Capote als ihren süßen schwulen Toyboy, Frauen, die er stolz seine Schwäne nannte, andere nannten sie Gloria Vanderbilt oder Marilyn Monroe oder Liz Taylor. Es waren Frauen mit makellosen Körpern, für die Tiffany jene Kreationen schneiderte, mit denen der kleine Weihnachtskatalog Out of the Blue noch heute Kunden lockt. Pinkfarbene Saphire, die wie Kirschblütenblätter auf Diamantfluten schwimmen. Dahlien, die sich um Diamanten herumrekeln. Orchideen, die hochkarätig protzen auf rot-grün geflecktem Tigermuster. Zwei Jahrzehnte später, nach Capotes Roman Kaltblütig über den Mord an einer braven Farmersfamilie und nach seinem vielleicht größten Kunstwerk, dem glamourösen Maskenball unter dem Glashimmel des Plaza, veröffentlichte Esquire drei Kapitel von dem, was Capotes letzter Roman war, posthum betrachtet. Darin plaudern Damen der Luxuswelt das Intimste übereinander aus, genau das, was sie ihrem Toyboy Capote anvertraut hatten. Es war, als hätte sich eine dunkle Seite der Holly-Golightly-Story hervorgekehrt. Als erhebe das Unheimliche sein Haupt, so wie die schwarzen Felsbrocken im Central Park durch die manikürte Landschaft stoßen. Alle Damen beeilten sich zu sagen, wie er sie verraten hätte. Eine der Frauen brachte sich um. Es war, als wäre Capote in den Augen seiner Schwäne lange schon vor seinem Tod im Jahre 1984 gestorben.