Auf einer Wiese, im Schatten uralter Milkwood-Bäume, hat eine Urlauberin ihre Picknickdecke ausgebreitet. Sie nestelt an ihrem Rucksack, fischt ein Sandwich heraus. Plötzlich ein Rascheln – und aus dem Unterholz schleicht eine Horde struppiger, graubrauner Gestalten. In geduckter Haltung rücken sie näher, umzingeln die Frau. Der Größte packt sie am Arm und brüllt. Eckzähne, lang wie Dolchklingen, blitzen auf. Paviane! Kreischend lässt die Touristin ihr Sandwich fallen und stürzt davon. Der Chef-Pavian schnappt sich die Beute und schlingt sie schmatzend herunter. Seine Gang-Mitglieder leeren den Rucksack aus, wobei sie Orangen und eine Banane ergattern.

Ein Vormittag wie viele andere auf der Halbinsel südlich von Kapstadt. Urlauber reisen nicht zuletzt wegen der faszinierenden Tierwelt nach Südafrika. Die Paviane gehören dazu. Mittlerweile haben sie sich jedoch zur Landplage entwickelt, besonders am Kap. Sie belästigen die Menschen nicht nur in freier Natur. Auf Restaurantterrassen reißen sie ihnen die Steaks vom Teller. Neulich stürmten drei Dutzend Affen den Pausenhof einer Grundschule. Einer sprang einer Erstklässlerin auf den Rücken, das Mädchen erlitt einen Schock.

Auf der 70 Kilometer langen Kaphalbinsel grenzen Naturparks an dicht besiedelte Kulturlandschaften. Gut 400000 Menschen leben hier und knapp 400 Chacma-Paviane. Die Affen benehmen sich jedoch, als seien sie die Herren. Justin O’Riain, Verhaltensforscher von der Universität Kapstadt, hat das alles genau dokumentiert. Mit einem GPS-Empfänger in den Händen und einem Binokular um den Hals wandert er durchs Fynbosh-Gestrüpp.

"Insgesamt gibt es auf dem Kap um 14 Banden", sagt der Forscher. O’Riain ist ein manikürter Gentleman, den man sich eher in einer Designagentur vorstellen würde als hier in der Wildnis. Doch dies ist seine Domäne. Kürzlich hat er einige Alphatiere mit Pfeilen betäubt und ihnen Halsketten umgehängt, die GPS-Signale aussenden. Jetzt kann er die Pavianbanden zu jeder Tageszeit finden – und zum Beispiel ihre Ernährungsgewohnheiten studieren. "Gerade auf Picknickplätzen sind ihre Überfälle mittlerweile perfekt einstudiert", erzählt O’Riain. Er ist sehr angetan von der "außergewöhnlichen Vielseitigkeit" der Tiere. Eine der Banden hat zum Beispiel herausgekriegt, wie man Autotüren öffnet. Ihr bevorzugtes Jagdgebiet ist die Küstenstraße, die von Kapstadt ans Kap der Guten Hoffnung führt, eine beliebte Ausflugsroute. "Ich rate Touristen immer, dass sie die Kindersicherung einschalten sollen", sagt O’Riain. "Sonst hockt vielleicht plötzlich ein Pavian auf dem Rücksitz und durchwühlt die Handtasche."

Die graubraunen Affen mit den langen hundeartigen Schnauzen können eineinhalb Meter groß werden. Die Eckzähne der Männchen sind länger als die von Löwen. Ernsthaft verletzt haben sie noch nie einen Menschen. Die Tiere bluffen nur. Zwei Sicherheitsregeln empfiehlt O’Riain trotzdem: "Einem gereizten Pavian nicht in die Augen blicken", und: "Nie versuchen, Essen zurückzuerobern!"

Seit mehr als einer Million Jahren leben Chacma-Paviane in der Gegend um Kapstadt. Traditionell ernähren sie sich von Blättern, Früchten, Wurzeln, Beeren und Insekten. Doch der Homo sapiens hat einiges aus dem Gleichgewicht gebracht. "Manche Urlauber füttern die Affen mit Hähnchen von Kentucky Fried Chicken", schimpft Justin O’Riain. Mit der Vorliebe für Fleisch haben die Paviane eine weitere zweifelhafte Errungenschaft der menschlichen Zivilisation für sich entdeckt: organisierte Kriminalität. Affen zu füttern sei immer falsch, sagt O’Riain. "Ein Pavian gäbe niemals freiwillig Essen her. Wenn er von einem Menschen etwas bekommt, interpretiert er das als Geste der Unterwerfung."

Bei vielen Bewohnern der Kaphalbinsel liegen die Nerven blank. 1990 ließen die Kapstädter Behörden offiziell ganze Horden ausrotten. Bürger erschossen, vergifteten, überfuhren etliche Affen. "Es war fürchterlich!", erinnert sich die Tierschützerin Jenni Trethowan, eine Frau mit grauem Haar und rosa Brille. Als Reaktion gründete sie die Pavianlobby Baboon Matters. Ihre Protestaktionen hatten Erfolg: Seit 1998 sind die Chacma-Paviane auf der Halbinsel geschützt – und nur noch selten greifen Anwohner zur Flinte.

Baboon Matters residiert in einem gelben Holzhäuschen in Glencairn, einer wohlhabenden Siedlung in einer Bucht, 50 Kilometer südlich von Kapstadt. Auf dem Atlantik draußen springen Delfine aus den Wellen, Wale recken ihre Fluke in die Höhe. Die Anwohner haben jedoch selten die Muße, Meeressäuger zu beobachten, denn die Paviane halten sie auf Trab. Jenni Trethowan ist dennoch überzeugt, dass Mensch und Affe friedlich zusammenleben können. Als Modellversuch hat sie ein Pavianhirtenprogramm ins Leben gerufen: Wächter sollen den Tag mit den Affen verbringen und sie daran hindern, in Siedlungen ihr Unwesen zu treiben. Doch das Geld ist knapp. Drei Wochen lang waren nun keine Hirten mehr im Einsatz – und die Paviane wie entfesselt. "Von Montag an wird alles anders", versichert Trethowan. Die Sponsoren seien wieder im Boot.

Nebenbei betreibt Baboon Matters einen Pavianladen. Da gibt es Fotos von Affenbabys zu kaufen, Pavian-Fan-T-Shirts oder Drahtengel mit Heiligenschein und stilisierten Pavianen auf dem Arm. Auch die Affensafaris waren eine Idee von Jenni Trethowan: "Walking with Baboons" lautet das Motto – "mit Pavianen spazieren". Eigentlich wollte die Aktivistin mit ihrer Begeisterung die Einheimischen anstecken, doch bis jetzt zeigen die Touristen sich interessierter.

An diesem Nachmittag führt Chris, ein braun gebrannter 30-jähriger Pavianschützer, ein Ehepaar aus den USA und eine Familie aus England zur Da-Gama-Affenbande, die in der Gegend von Glencairn lebt. Vor dem Mehrfamilienhaus, auf das er zusteuert, liegt eine umgekippte Mülltonne. "Die Affen waren bereits aktiv", erklärt der Guide. Auf dem Abhang hinter dem Wohnblock sind von fern graubräunliche Flecken im Gras zu erkennen. Die Paviane? Doch als Chris und seine Gruppe den Hügel hochklettern, finden sie nur eine weitere Spur.

"Hier haben sie eben noch Wurzelknollen ausgebuddelt", meint der Affenschützer und deutet auf Löcher in der Erde. Er weist auch auf Exkremente hin, zerdrückt den beigefarbenen Paviankot in seiner hohlen Hand. Er ist noch warm. Und es sind Pflanzensamen darin zu erkennen. "Paviane spielen eine wichtige Rolle für das Ökosystem", erklärt er. Durch ihre langen Märsche auf Futtersuche verteilen sie die Samen.

Plötzlich ein Gewusel im halbhohen Gras. Fünf kleine Affen rollen den Abhang hinab. Einer hält eine Flasche umklammert. Die anderen Jungtiere werfen sich auf ihn und versuchen sie ihm zu entreißen. Der Kleine wühlt sich wie ein Maulwurf aus dem Pavianknäuel und hastet japsend mit der Flasche davon – der Pulk hinterher. Es sieht aus, als spielten sie Rugby. Die Urlauber sehen mit großen Augen zu.

Weiter oben am Abhang entdecken sie einen besonders imposanten Affen: George, das Alphatier der Bande, Herr über 37 Untertanen. Der erfahrene Kämpfer mit dem vernarbten Gesicht räkelt sich in der Sonne und lässt sich von einem Weibchen lausen. Jenni Trethowan hat ihn nach King George III. benannt, unter dessen Regentschaft das britische Empire einst zur Weltmacht aufstieg. "George ist kürzlich 14 geworden", erzählt Chris. Ein stolzes Alter für einen Pavian. Vor sechs Jahren habe er die Da-Gama-Horde übernommen, inzwischen seien ihm viele Zähne ausgefallen. Dennoch halte er bis jetzt alle Rivalen in Schach.

Ein breitschultriges Pavianmännchen mit dunklem Fell und langer Mähne betritt die Wiese – und das Gekreische der spielenden Jungtiere wird schlagartig leiser. "Sebastian", flüstert Chris ehrfürchtig. Stolz schreitet der Affe an der Touristengruppe vorbei. Sebastian ist ein Schlitzohr und weit herumgekommen. Eine Wanderung führte ihn bis nach Kapstadt, wo er in Lebensmittelgeschäften klaute. Nun lauert er in Glencairn auf seine Chance: Er will George besiegen und die Bande übernehmen. Beim ersten Duell hat der ihn allerdings an der Schulter verletzt, die Wunde blutet noch. "Sebastian wird trotzdem der neue Boss", prophezeit Chris.

Als der Herausforderer vorbeigezogen ist, widmen sich die Paviane wieder ihrem Tagesgeschäft. Einige lausen sich, andere graben Wurzeln aus oder fressen Fynbos-Blätter. Zwischendurch finden sich Pärchen zusammen, um zu kopulieren. Paviane sind polygame Wesen. Die Weibchen haben nicht nur mit dem Alphamännchen Sex. Wenn in der Horde Babys geboren werden, zeigen die Mütter sie George, damit er glaubt, es seien seine, und sie nicht aus Angst vor Konkurrenz tötet.

Die Babys mit den rosa Gesichtern und den neugierigen Augen, die wie Bernstein leuchten, sind die Lieblinge aller Safariteilnehmer. Sie krabbeln umher, lecken und knabbern an Blumen und Gräsern oder reiten auf dem Rücken ihrer Mütter. Die Touristen können sich kaum sattsehen.

Doch ob solche Safaris auch das Verhältnis der Anwohner zu den Tieren verbessern werden? Manche Häuser auf der Halbinsel sehen wie Festungen aus. Auf Fenstersimsen sind zur Affenabwehr Metallspieße montiert – lang wie die Fangzähne der Pavianmännchen. Andere vertrauen auf Gitter vor den Fenstern. Die Lücken zwischen den Stangen dürfen allerdings höchstens acht Zentimeter breit sein. Sonst reichen die Affen ihre Babys durch, und die klauen für sie in der Küche. Chris hat einen Tipp: "Freche Affen am besten bereits im Garten mit dem Schlauch abspritzen." Paviane seien wasserscheu. Einmal im Haus, lässt man sie besser gewähren, damit sie nicht auf der Flucht alles umwerfen.

Justin O’Riain ist von seiner Exkursion zurückgekehrt. Er sitzt in seinem Büro an der Universität Kapstadt und gibt die neuen Paviandaten in seinen Computer ein. Der Wissenschaftler genießt die Ruhe. Denn wenn alles zu spät ist, rufen die Menschen in der Regel bei ihm an. Er ist auf der Kaphalbinsel eine Art Ombudsmann für Pavianfragen. "Neulich klingelte das Telefon: Ein Affe liege im Ehebett", erzählt er und muss sich ein Lachen verkneifen. Nun jedoch kann O’Riain sich wohl erst einmal wieder seiner Forschungstätigkeit widmen. Denn seit heute arbeiten die Pavianhirten wieder.

Glencairn am frühen Morgen: Zwei Dutzend junge Männer vom Stamm der Xhosa erhalten von Jenni Trethowan letzte Anweisungen. Sie tragen knallrote Baboon-Matters-Mützen auf dem Kopf. "Wegen der Anwohner", erklärt einer. "Ohne Uniform wurden wir in den Siedlungen häufig für Einbrecher gehalten." Der Job ist hart. Von 7 bis 18 Uhr sind die Hirten in Dreierteams im Einsatz. An manchen Tagen müssen sie Pavianhorden mehrmals die viele Hundert Meter hohen Klippen hinauftreiben, um die Häuser in der Ebene zu schützen.

Die Da-Gama-Horde hat, strategisch günstig, auf den Akazien hinter Jacks Cafe genächtigt. Ein beliebtes Frühstückslokal ganz in der Nähe des Abhangs, auf den neulich die Paviansafari führte. Nun warten die Tiere darauf, dass der Laden endlich öffnet. Sie lieben Donuts, Croissants, Zuckerschnecken. Noch fünf Minuten! Einige Affen scheinen das zu spüren, sie klettern erwartungsfroh von den Bäumen. In diesem Moment springen die Pavianhirten aus dem Wagen, brüllen, pfeifen, klatschen in die Hände – und scheuchen die Tiere in den Akazienwald zurück.

Jetzt schlagen Hunde an, ihr Gebell vermischt sich mit den Schreien von Hirten und Affen. Denn hinter dem Wäldchen liegen Einfamilienhäuser mit Gärten – und auch durch dieses Gebiet müssen die Paviane. Die Hirten lassen erst locker, als die Bande weit oben in der grauen Felslandschaft angekommen ist. Gute Arbeit. Durch solche Einsätze lassen sich die Affenüberfälle um mehr als 70 Prozent reduzieren, das hat eine Studie der Universität Kapstadt ergeben.

Heikel wird es allerdings abends nach Dienstschluss der Hirten. In der Dämmerung klettert das Alphatier George höchstpersönlich den Abhang hinab. Er will zur Mülltonne bei den Wohnblöcken hinüber. Verstohlen guckt er sich um, ob die Rotmützler abgezogen sind. Hinter seinem Rücken lauern Weibchen und Jungtiere. Die Hirten sind weg, aber drei Männer stehen rauchend auf dem Parkplatz und entdecken die Affen. Fluchend greift ein grobschlächtiger Mann im Trainingsanzug nach einem Stein und schleudert ihn nach dem Oberhaupt der Bande. George weicht aus und galoppiert davon, die Weibchen und Jungtiere hinterher. "Wie ich euch hasse!", schreit der Mann.

Zwei kleine Paviane haben sich dem Haus unterdessen von der anderen Seite genähert; sie sind schon fast an der Tür. Im Stechschritt geht der Mann zu seinem Wagen hinüber, er zeigt den angeknacksten Scheibenwischer: "Paviane! Sie haben sogar versucht, meinen Kofferraum aufzubrechen." Wütend tritt er gegen die Mülltonne. Seine Kumpane nicken und inhalieren Zigarettenrauch.

Inzwischen sind die beiden Paviane durch die Eingangstür geschlüpft und im Treppenhaus verschwunden. Vielleicht futtern sie dem Herrn im Trainingsanzug gerade den Kühlschrank leer – oder sie warten unter seiner Bettdecke auf ihn.

INFORMATION

Paviane passen sich problemlos auch an menschliche Umgebungen an, wenn es ihnen einen Vorteil verschafft © Richard Heathcote/Getty Images

Anreise: Direktflüge von Frankfurt am Main nach Kapstadt zum Beispiel mit South African Airways oder Lufthansa

Safaris: Andulela Experience organisiert Ausflüge zu den Chacma-Pavianen. Ausgangspunkt für die Walking-Safaris ist die Siedlung Glencairn im Table-Mountain-Nationalpark, etwa 50 Kilometer vom Zentrum Kapstadts entfernt (allgemeine Informationen zum Park: www.sanparks.org/parks/table_mountain ). Die eigentlichen Safaris dauern knapp drei Stunden, starten montags bis samstags jeweils um 14 Uhr und kosten etwa 60 Euro pro Person (minimale Teilnehmerzahl vier Personen). Im Preis enthalten ist der Bustransfer von Kapstadt nach Glencairn und zurück. Treffpunkt für diese Touren ist das Waterfront Tourism Office in Kapstadt. Voranmeldung erforderlich unter Tel. 0027-21/7902592, www.andulela.com

Selbstfahrer können die Safaris auch direkt bei den Pavianschützern von Baboon Matters buchen (minimale Teilnehmerzahl zwei Personen, Preis rund 25 Euro pro Person). Reservierungen unter Tel. 0027-21/7822015. Weitere Informationen zur Arbeit der NGO unter www.baboonmatters.org.za

Südlich von Kapstadt kann man außerdem Pinguine (bei der Ortschaft Simonstown) und Wale (bei Hermanus) beobachten

Auskunft: South Africa Tourism, Frankfurt am Main, Info-Tel. 0180-5722255, www.southafrica.net . Allgemeine Informationen zu Südafrika auch unter www.dein-suedafrika.de , www.tierischsuedafrika.de

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