Das verdammte Pferd rührte sich nicht, es wich ihr einfach nicht aus. Nicht beim ersten Anlauf, nicht beim zweiten, nicht beim dritten. Es war der Sommer vor drei Jahren, als Yvonne Catterfeld sich fragte, was ihr Leben noch mit ihrem Traum zu tun hatte, als sie rausfuhr nach Brandenburg, um Antworten zu finden. Sie hatte von diesem Reitstall gehört, wo Manager ihre Führungsstärke testen können. Jetzt stand sie auf einer Koppel allein vor diesem Pferd und sollte es von seinem Platz vertreiben, ohne Zaumzeug, ohne Peitsche, nur mit ihrer Willenskraft. Das Pferd guckte freundlich, aber es blieb stehen. Wie festgewurzelt.

"Immer noch habe ich dieses Bild im Kopf", sagt Catterfeld. Sie konnte sich nicht durchsetzen. Selbst von diesem Pferd wollte sie gemocht werden.

"Wie bescheuert!", ruft sie.

Es ist ein sonniger Oktobertag in Stuttgart-Obertürkheim, und Catterfeld sitzt etwas abseits in einem kleinen Kirchhof. Sie drehen hier einen Zweiteiler für RTL, die Filmcrew macht gerade Mittagspause. Immer wieder starren die Komparsen zu ihr herüber, eine Gruppe Feldwebel von der Bundeswehr. Catterfeld bemerkt sie nicht. Sie lädt sich Reis mit Krabben auf den Teller, danach noch etwas Gulasch mit Spätzle. "Ist alles lecker", sagt sie, und vielleicht ist das manchmal ihr Problem: Sie konnte noch nie gut etwas ablehnen, sie hat früher von allem ein bisschen gemacht, so lange, bis ihr Kalender voll war: Sie hat bei Gute Zeiten Schlechte Zeiten mitgespielt und nebenbei ein paar Platten aufgenommen, sie hat gleichzeitig Chart-Shows und Galas moderiert, für Anti-Pickel-Cremes, Deichmann-Schuhe und Schweizer Unterwäsche geworben. "Als ich zu diesem Reitstall fuhr", sagt sie, "wusste ich selbst nicht mehr, was ich nun eigentlich war: Bin ich jetzt Schauspielerin, Sängerin oder Moderatorin?"

Als sie später am Catering-Wagen Cappuccino trinkt, nähern sich die Feldjäger. "Ich muss meine Chance nutzen", sagt einer, "darf ich?" Dann legt er einen Arm um sie, drückt einem Kameraden sein Fotohandy in die Hand und grinst in die Kamera. Sekunden später ist sie umzingelt. Alle wollen ihr Foto. Verlegenes Grinsen, klick, der Nächste, bitte. Catterfeld lächelt, jedes Mal. Erst als auch der Letzte zufrieden ist, sagt sie: "Sorry, Jungs, muss weiterarbeiten."

Vielleicht wollte sie wieder mal gemocht werden. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur zu nett. Sie sei ein Mensch, der in ein fertiges PR-Kit gekrochen sei, schrieb mal die Welt. "Eine Frau ohne Eigenschaften", assistierte die FAZ. Und es war ziemlich einfach, die Catterfeld doof zu finden: Sie war das Instantprodukt aus der RTL-Unterhaltungsmaschine, das stets verfügbare Saubermädchen, das brav im Laufrad der großen Fernseh-Pop-Verwertungsschleife trabte. 2005 zog sie einen Schlussstrich und feuerte ihre Managerin, sie wollte neu anfangen. Weniger machen, und das dafür richtig. Fürs Kino soll sie dieses Jahr die große Romy Schneider spielen. Demnächst eine Blinde. Nun spielt sie eine kühle Vulkanologin, eine der Hauptrollen in Der Vulkan, einer aufwendigen Produktion, in der ein Eifeldorf von einem Vulkanausbruch heimgesucht wird, an ihrer Seite klangvolle Namen: Katja Riemann, Heiner Lauterbach, Armin Rohde.

Die Frage ist, ob das so einfach ist, neu anzufangen. Ist das so einfach, plötzlich nicht mehr Darstellerin zu sein, sondern Schauspielerin?