Wahnsinn, dieser Regen. In maximaler Auflösung kommt er aus den Boxen geperlt, ein Dolby-Surround-Stereo-High-End-Regen, der darauf einstimmt, dass das Haus Usher in wenigen Minuten donnernd in sein Verderben stürzen wird. Es soll Menschen gegeben haben, die daraufhin nachsehen gingen, ob die Terrassentür nicht offen steht. Noch heute ist das Gewitter aus The Fall Of The House Of Usher großes Hörkino und Zeitdokument zugleich, es ist die Proustsche Madeleine, die einen in die Siebziger zurückbringt – vorausgesetzt, man verfügt über eine gute Stereoanlage.

Wer vom Alan Parsons Project spricht, darf von den Siebzigern nicht schweigen, dem Jahrzehnt der Projekte, AGs und Initiativen. Es war das Jahrzehnt heftiger Progressionen und Progressismen bei gleichzeitiger Neigung zum Stillstand: Ein letztes Mal bäumte der Fortschritt sich auf, bevor er unter dem Decknamen "Postmoderne" in den Ruhestand ging. Es war das Jahrzehnt, in dem auch die Popkultur nach Höherem strebte: Schlichte Boy-meets-Girl-Songs waren out, jetzt ging es um Anleihen beim Seriösen, um Klassikverwurstungen, wie sie Emerson, Lake & Palmer vorgemacht hatten, oder megalomanische Klangskulpturen à la Pink Floyd. Bei Letzteren saß ein Mann am Mischpult, der schon unter den Beatles gedient hatte – und sich mitsamt seinem Know-how selbstständig machte.

Was Alan Parsons im Jahre 1976 gerade an Poe interessierte, darüber weiß die Nachwelt bis heute wenig. Parsons ist der Thomas Pynchon der Popkultur: Fotos von ihm sind rar, er gibt keine Interviews, und wenn doch, hat man seine Worte sofort wieder vergessen. Noch im Begleitheft zur digital bearbeiteten Neuausgabe der Tales Of Mystery And Imagination ist ausschließlich von 24-Track-Mastern und kniffligen Methoden der Schallwandlung die Rede, davon eben, wie mit analogen Mitteln ein derart satter Sound generiert werden konnte. Mit jener grundstürzenden Ehrlichkeit indes, die zu den Siebzigern gehört wie das Inhalieren von Kräuterwirkstoffen, hat Parsons bloß die Wahrheit gesagt: Um Poe ging es bei seinem Projekt nur am Rande. Hauptsache, das Studio rockt.

Die Poe-Adaption, die er mit seinem Partner Eric Woolfson und wechselnden Mietmusikern in den Londoner Abbey-Road-Studios realisierte, ist keine Literaturvertonung und auch kein Versuch, der Vorlage geistig nahezukommen. Mit Tales Of Mystery And Imagination schlug die Stunde der Tüftler. Bislang war diese Spezies bloß in dienender Funktion unterwegs gewesen, jetzt übernahm sie das Kommando, um der Welt fortan zu zeigen, was solide Wertarbeit zustande bringt. Die Tales of Mystery And Imagination verhalten sich zu ihrer Vorlage wie ein Hollywoodfilm, sie verhalfen einer neuartigen Erfolgsformel zum Durchbruch: Maximalaufwand plus entsprechender Regie ergibt Kassenhit.

Freilich ist über alldem auch Schwund. Von Poes düsterem Raben bleibt bloß eine quäkende Vocoderstimme, und vom Grauen, das im Fässchen Amontillado-Wein lauert – ein Spezialeffekt. Mehr war weder gewollt noch im Sinne des Erfinders. Alan Parsons war Maximalist und Minimalist zugleich, mit seinem technisch hochgerüsteten Budenzauber ging es ihm einzig und allein um Respekt. Den bekam er, wenn die Zeitgenossen sich zurücklehnten, die Anlage aufdrehten und bei einem guten Joint murmelten: Boah, ey, Wahnsinn. THOMAS GROß

The Alan Parsons Project: Tales Of Mystery And Imagination (Mercury)

Foto: Woolfsongs Ltd./Careers Music Inc.