Vom Schiffshebewerk in Niederfinow wird 2009 wohl wenig die Rede sein und mehr von Sophia Loren, dabei werden beide im neuen Jahr ihren 75. feiern. Erinnerung kann also ungerecht sein, sie wählt sich gern nicht den praktischen Kleinkram aus, sondern allerlei Seelenrelevantes plus Geschichtsmächtiges: Auch dass die Rappbode-Talsperre vor genau 50 Jahren eingeweiht wurde, wird deshalb vermutlich im nun beginnenden Jahr für das kollektive Gedächtnis eine Nebensache unter anderen bleiben, angesichts der Jubiläen des Börsenkrachs an der Wall Street (80.), der guten alten Bundesrepublik (60.) und des Mauerfalls, der zwar erst den 20. feiert, dabei nicht mehr taufrisch wirkt, aber deutlich frischer immerhin als die Deutsche Kleingartenordnung, die vor 90 Jahren erlassen wurde. Erinnerung kann, wenn sich so eins ans Nächste fädelt, Verwunderung auslösen, wo etwas losgeht und aufhört, Staunen, warum und wie das alles zusammenhängt.

Erinnerung hält sich deshalb gern am persönlichen Faktor aufrecht, weil, menschlich gesehen, sich da Anfang und Ende zumindest festmachen lassen, und wer gern toter Schriftsteller und Gelehrter gedenkt, hat 2009 wieder üppige Auswahl, bei Edgar Allan Poe kommt man sogar gleich zweimal zum Zug, der wurde nicht nur geboren, sondern ist auch gestorben, beides in einem Jahr mit der Neun, 1809, 1849. Sonst stehen, nach Vorliebe, der Erinnerung im Jahr 2009 auch noch folgende Persönlichkeiten zur Auswahl: Bettina von Arnim, Alexander von Humboldt, Wilhelm Grimm, Joachim Ringelnatz, Erich Mühsam, Samuel Beckett, Heinz G. Konsalik.

Und wer beruflich mit Glossenschreiben befasst ist, kann schon mal nachdenken, welchen Sinn die Geschichte darin abgelegt haben mag, dass die Arnim, Humboldt und Grimm in ebendem Jahr 1859 verstarben, in dem Charles Darwins Entstehung der Arten erschien, und wie es kommt, dass in Frankreich Band 1 der Asterix-Comics auftauchte, während bei uns das Sandmännchen erstmals auf Sendung ging. Vor 50 Jahren.

50 Jahre: So lange hat übrigens einst ein Geliebter tief im Bauch der Erde gelegen, bis seine Geliebte ihn unverhofft wiedersah. Das hat sich vor langer Zeit zugetragen, und was daraus wurde, ist einer der am meisten gelesenen Texte des 19. Jahrhunderts, der Unverhofftes Wiedersehen heißt, verfasst hat ihn Johann Peter Hebel, erschienen ist er in dessen Schatzkästlein. Eine unerhörte Geschichte war das: Acht Tage vor seiner Hochzeit, im schwedischen Falun, wird ein junger Bergmann, auf den die Braut wartet, vom Tod geholt. "Er kam nimmer aus dem Bergwerk zurück, und sie saumte vergeblich selbigen Morgen ein schwarzes Halstuch mit rothem Rand für ihn zum Hochzeitstag, sondern als er nimmer kam, legte sie es weg und weinte um ihn und vergaß ihn nie." Der Zufall ist es, der eines Tages, ein halbes Jahrhundert später, den in Eisenvitriol bestens erhaltenen Körper des Toten wieder zutage fördert, und keiner kennt ihn mehr, außer der uralten Geliebten, in deren Brust angesichts des schönen Jünglings "nach 50 Jahren die Flamme der jugendlichen Liebe noch einmal erwachte".

Historiker haben später festgestellt, dass diese 50 Jahre die größten Umwälzungen des europäischen Kontinents um 1800 sämtlich umfassen, sie werden von Johann Peter Hebels Erzähler im Unverhofften Wiedersehen ja auch alle genannt: Das Erdbeben in Lissabon und der Siebenjährige Krieg, die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika, die Französische Revolution, Napoleons Kriege, sie alle fädeln sich hier auf zu Hintergrundereignissen einer unerhörten Begebenheit. Und "der Müller mahlte, und die Schmiede hämmerten, und die Bergleute gruben nach den Metalladern in ihrer unterirdischen Werkstatt". So fanden sie zufällig den toten uralten Jüngling, nach dem keiner gesucht hatte und den keiner mehr kannte. Bis auf die eine.

Franz Kafka, im kommenden Jahr ohne Jubiläum, das erinnernswert wäre, hat kurz vor seinem Tod seiner Gefährtin eine Geschichte von Hebel vorgelesen, die er besonders geliebt haben soll, wie seine Freundin 25 Jahre später berichtete: "jene Geschichte von der Liebsten des Bergmannes, die ihren Geliebten zur Grube begleitete und ihn dann niemals lebendig wiedersehen sollte". An den Titel der Geschichte konnte sich Kafkas Freundin da nicht mehr erinnern.

Im Jahr 2009 werden nun manche Literaturfreunde den 200. Geburtstag von Goethes Wahlverwandtschaften begehen, man könnte von einem absehbaren Wiedersehen sprechen. Aber welcher Text, welches Ereignis, welche Erinnerung unverhofft aus den Bergwerken der Geschichte geborgen wird oder auftaucht und einen anschaut, steht ja nicht fest. Jener Jüngling in Hebels Geschichte wurde übrigens vor genau 200 Jahren geborgen: im Jahr 1809.