Als Wendepunkt für den heiß gelaufenen Handel mit zeitgenössischer Kunst wird eine Londoner Auktion bei Sotheby’s am 15. September 2008 in die Geschichte eingehen. Dort ließ Damien Hirst insgesamt 223 atelierfrische Werke aus seiner Kunstmanufaktur versteigern – darunter ein eingelegtes "Goldenes Kalb" für 10,3 Millionen Pfund. So etwas hatte es zuvor noch nie gegeben, normalerweise beliefern Künstler nicht direkt die Auktionshäuser, sondern ihre Galerien. Die Galeristen kümmern sich darum, dass die begehrte Kunst nur von den besten Sammlern gekauft wird, und erhalten im Gegenzug bis zu 50 Prozent des Verkaufspreises.

Hirst hatte schon immer seinen Spaß daran, den Kunstmarkt zu testen. 2007 verkaufte er einen mit 8601 Diamanten besetzten Totenschädel für 50 Millionen Pfund (an ein Konsortium, an dem auch er selbst beteiligt ist). Mit seiner Londoner Auktion setzte er am 15. September nicht auf ein Einzelstück, sondern auf Masse – und machte damit noch mehr Geld, insgesamt 111,5 Millionen Pfund. Doch am selben 15. September ging die Bank Lehman Brothers pleite.

Seitdem hat die Internationale der Sammler keine rechte Lust mehr daran, Geld in überteuerte Kunstwerke zu stecken. Und so blieben im Oktober und November bei den großen Herbstauktionen von Sotheby’s und Christie’s neben vielen anderen Kunstwerken auch zahlreiche Damien Hirsts unverkauft: diverse spot paintings mit wahlweise bunten oder aber auch grauen Punkten, spin paintings auf runden Scheiben, ein Medizinschrank, ein Käfig mit Krankenhausabfällen und Gasmasken…

Hirsts Galerien White Cube und Gagosian sollen ebenfalls, so mutmaßen britische Medien, die Lager voller Arbeiten ihres Starkünstlers haben.

Wenn Hirst das Finanzgenie ist, für das ihn auch Gerhard Richter hält, dann wird er im kommenden Jahr einiges aus seinen Lagerbeständen vernichten und so das Angebot weiter künstlich verknappen.

Wenn er es aber ernst meint mit seiner in einem Interview mit dem Independant geäußerten Freude über die sinkenden Kunstpreise, dann sollte er sein Spiel mit dem Kunstmarkt noch eine Runde weiterdrehen. Statt etlichen seiner rund 200 Mitarbeiter zu kündigen, müsste Damien Hirst die Produktion jetzt erst recht ankurbeln – und damit seine Kunst zu einer erschwinglichen Massenware machen. Leisten kann er es sich. Denn er legt anders als seine Sammler sein Geld in alter Kunst an. Tobias Timm

Damien Hirst, 43, ist einer der höchstbezahlten Künstler der Gegenwart. Berühmt wurde er durch einen Hai, den er in Formaldehyd eingelegt hatte