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DIE ZEIT: Gibt es ihn eigentlich wirklich, den Zufall in der Evolution?

Christiane Nüsslein-Volhard: Natürlich! Das ist die These: Es wird erst einmal ein Überschuss an Nachkommen produziert. Die Nachkommen variieren in vererbbaren Merkmalen, und diese Variationen beruhen auf Zufall. Es gibt keinen Schöpfer, niemanden, der darauf achtet, dass die Richtigen überleben. Es gibt die zufällig besser und die zufällig schlechter Angepassten, und die besser Angepassten haben mehr Nachkommen und verbreiten so ihre Genvariationen stärker als andere.

ZEIT: Völlig ungelenkt verläuft die Evolution dennoch nicht. Einem Menschen können nicht zufällig Flügel wachsen oder einer Giraffe ein Rüssel.

Nüsslein-Volhard: Natürlich kann die Evolution nicht in beliebig bizarre Richtungen laufen, sie kann nur innerhalb der Formen wirken, die sie vorfindet. Und Variabilität ist nur in dem Maße möglich, in dem der Organismus am Leben bleibt. Darwin hat verstanden, dass Evolution in kleinen Schritten verläuft, die man in der Regel gar nicht sieht.

ZEIT: Warum haben wir dann ein eher sprunghaftes Bild des Evolutionsgeschehens vor Augen?

Nüsslein-Volhard: Daran ist Gregor Mendel schuld. Der hat bei seiner Erbsenzucht im Klostergarten mit sehr scharf abgegrenzten Merkmalen gearbeitet, also nicht mit den subtilen Variationen, die Charles Darwin vor Augen hatte. Seine Erbsen waren glatt oder runzlig, gelb oder grün…

ZEIT: Mit solchen Züchtungsexperimenten kannte sich auch Darwin aus.

Nüsslein-Volhard: Natürlich, er hat ja auch Zuchttauben gehalten. Das erste Kapitel in Entstehung der Arten widmet sich der Haustierzucht. Man hört Darwin regelrecht staunen über das, was Züchtung alles bewirken kann. Innerhalb von ein paar Generationen sehen die Tiere ganz anders aus.

ZEIT: In der Natur ist der Wandel subtiler.

Nüsslein-Volhard: Ja, es dauert auch viel länger als bei der Haustierzüchtung. Darwin hat auch da sehr genau hingesehen. Er hat zum Beispiel beobachtet, dass die Variabilität von lebenswichtigen Strukturen sehr gering ist, wohl weil sie gebraucht werden. Bei Strukturen, die nicht direkt überlebenswichtig sind, ist die Variabilität sehr viel größer.

ZEIT: Darwin schreibt kurz vor seinem Lebensende: "Einige meiner Kritiker haben gesagt: ›Oh, er ist ein guter Beobachter, aber er besitzt nicht die Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen.‹"

Nüsslein-Volhard: Unsinn. Er ist bis heute der größte theoretische Biologe aller Zeiten.