Nach 150 Jahren Streit wäre das Treffen ein schöner Anlass zur Versöhnung gewesen: Anfang November, am Vorabend von Darwins Jubiläumsjahr, hatte die Päpstliche Akademie der Wissenschaften zu einer Konferenz in die Vatikanstadt geladen. Das Thema des Forscherkonklave waren »wissenschaftliche Erkenntnisse zur Evolution des Universums und des Lebens«. Doch auf eine Ehrenerklärung für Charles Darwin und die Evolutionstheorie seitens der Kurie warteten die Teilnehmer vergebens. Zwar trauen sich die Kirchenvertreter nicht mehr, die Evolution schlicht zu negieren; doch so richtig anerkennen mag man sie in der katholischen Kirche auch nicht. Zwischen Wissenschaft und Glauben herrsche in Sachen Evolutionstheorie, auch 200 Jahre nach Darwins Geburtstag, bestenfalls Waffenstillstand, notierte Science anlässlich der Tagung. Und die jüngsten Erkenntnisse der Wissenschaftler dürften den Konflikt erneut verschärfen.

Die Evolutionstheoretiker beanspruchen inzwischen eine Deutungsmacht, die weit über den Bereich der Lebenswissenschaften hinausgeht. Manchem mag schon das Diktum des Evolutionsforschers Theodosius Dobzhansky anmaßend geklungen haben, der 1942 schrieb, nichts in der Biologie habe Sinn, »außer man betrachtet es im Licht der Evolution«. Heute erklären Darwins Nachfolger neben der Vielfalt des biologischen Lebens längst auch soziale Phänomene, die Entwicklung von Gesellschaften und die Psyche des Individuums mit evolutionären Gesetzmäßigkeiten. Die Konstanten des Zusammenlebens beschreiben sie als evolvierte Funktionen der Hirnrinde: die Neigung zu Sprache, Konkurrenz und Krieg, aber auch altruistisches Verhalten und selbst Religion und Glauben.

Nicht nur auf Gläubige dürften die neuesten Erkenntnisse irritierend wirken. Nach den Befunden der Forscher steht der Mensch keineswegs als unveränderliches Ebenbild Gottes da – ganz im Gegenteil. Zwar ist längst bewiesen, dass er ein Produkt der Evolution ist. Doch nun zeichnet die Forschung Homo sapiens als ein Geschöpf fulminanten Wandels; mehr als jede andere Spezies dürfte er dem blinden Spiel von Mutation und Selektion unterworfen sein.

Die Evolution des Menschen nahm erst vor 50.000 Jahren richtig Fahrt auf

Nie in ihrer Geschichte, reportierte ein US-Forscherteam um den Anthropologen John Hawks kürzlich im Fachblatt PNAS , sei die Spezies einem derart rapiden biologischen Umbau unterzogen worden wie in ihrer jüngeren Vergangenheit. Nach anfangs gemächlichem Tempo nahm die Humanevolution vor 50.000 Jahren offenbar erst so richtig Fahrt auf, wie Hawks’ Analysen der globalen Variation im Genpool der Menschheit ergaben. Und seither verlaufe die Beschleunigung geradezu exponentiell. So fanden die Forscher gleich in 1800 Genorten des menschlichen Erbguts Spuren fulminanter Evolutionsprozesse. »Hinsichtlich dieser Gene waren die Menschen vor 5000 Jahren den Neandertalern ähnlicher als heutigen Menschen«, meint Hawks. Sein Fazit: Die Menschheit durchlaufe eine einzigartige Zeit der Turbo-Evolution.

Ähnlich frappierende Befunde kommen von anderen Forschern. Das Genom des Menschen sei geradezu gespickt mit den Spuren spektakulären Wandels, bestätigten Wissenschaftler der New Yorker Cornell University und der Universität Kopenhagen. Bis zu 10 Prozent der gesamten genetischen Information, ergaben ihre Untersuchungen, ist demnach von rapider Erneuerung betroffen. Und der Populationsgenetiker Jonathan Pritchard von der Universität Chicago, der mit mathematischen Verfahren den jüngsten Verlauf der Menschenevolution rekonstruiert, stellt fest: In afrikanischen, europäischen und asiatischen Populationen entwickelten sich in der Vergangenheit längst nicht alle veränderlichen Erbinformationen in dieselbe Richtung, manche Bereiche des Genoms strebten auf verschiedenen Kontinenten auch evolutionär auseinander. Noch sind dabei viele Details unklar. Doch Evolutionary Genomics, »die Historie der genetischen Anpassungen des Menschen«, verspreche ein faszinierendes Forschungsfeld der kommenden Jahre zu werden, schreiben Pritchard und seine Kollegen.

Die neue Strategie ist die konsequente Fortsetzung der Evolutionsforschung des 19. und 20. Jahrhunderts. Schon Darwins Erkenntnis hinterließ eine tiefe Zäsur in der europäischen Geistesgeschichte. Seither folgt eine Ernüchterung auf die andere. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verschmolzen der Evolutionstheoretiker Ernst Mayr und seine Kollegen die klassische Evolutionstheorie mit der aufstrebenden Genetik. Nicht das Individuum in seiner physischen Existenz, sondern seine Erbanlagen seien Subjekt der Evolution, verkündeten die Begründer der »Großen Synthese«. Die unsichtbare Materie der Erbmoleküle wurde als wahrer Akteur im Kampf um das Dasein enttarnt. Mit anderen Worten: Eine Henne ist nur die Methode, mit der die Gene im Ei ihre Kopien in möglichst vielen neuen Eiern hervorbringen. Dies, daran ließen die Forscher keinen Zweifel aufkommen, gelte selbstverständlich auch für die eigene Spezies.

Bald darauf demontiert die noch junge Molekulargenetik den Sonderstatus des Menschen ein weiteres Mal. Auch die Entwicklung des Fötus aus dem befruchteten Ei, und weiter zum Erwachsenen und zum Greis, wird von evolutionär geformter Mechanik gesteuert. Es sind die gleichen Erbanlagen, die aus einer Mückenlarve einen blutsaugenden Quälgeist machen oder den Frosch aus einer Kaulquappe entstehen lassen. EvoDevo (Evolutionary Developmental Genetics) lautet die Kurzformel der Erkenntnis, dass auch die Steuergene der Entwicklung von Tier und Mensch durch Mutation und Auslese auseinander hervorgingen. Sie trug der deutschen Genetikerin Christiane Nüsslein-Volhard 1995 den Nobelpreis ein (siehe Interview Seite 33).

Angesichts solch ketzerischer Befunde scheint es nicht verwunderlich, dass selbst in Deutschland viele Zeitgenossen mit der Forschung auf Kriegsfuß stehen; fast ein Drittel der Bundesbürger zweifelt an der Evolutionstheorie, in den Vereinigten Staaten bilden Schöpfungsgläubige seit Langem die Mehrheit. An der Erkenntnislage ändert das nichts: Lieferten schon die bisherigen Befunde eindrucksvolle Beweise für Darwins Lehre, so erscheint der Mensch jetzt erst recht als biologisch wandelbares Wesen. Von den ewigen Gewissheiten früherer Zeiten bleibt nur eines – ewiger Wandel. Für die Krone der Schöpfung gilt: Homo rennt.

Fulminantes Bevölkerungswachstum und ihre ureigenen Errungenschaften – Kultur und Zivilisation – befähigten die Spezies Mensch zu ihrem evolutionären Sprint. Noch vor 100.000 Jahren (entwicklungsgeschichtlich nur ein Wimpernschlag) zählte die Menschheit kaum mehr als 70.000 Köpfe. Selbst nach dem Exodus aus Afrika und der Besiedelung von Asien, Europa und Amerika dürfte die globale Population nur wenige Millionen betragen haben. Doch dann, mit Beginn der Jungsteinzeit vor 10.000 Jahren, explodierte die Menschenzahl – um das 1000-Fache in nur 500 Generationen.