Dies hatte der junge Mann im Buch seines Großvaters bei der Lektüre angestrichen: "Der Hintergrund der Kämpfe unter den Männchen scheint zu sein, dass das stärkste und aktivste Tier die Art fortführt und diese dadurch verbessert wird." Das Buch, in dem dieser Satz steht, heißt Zoonomia. Gesetze des organischen Lebens, es wurde verfasst von einem sehr beleibten Arzt namens Erasmus Darwin, erschien 1794 bis 1796, und der jugendliche Leser war Darwins Enkel Charles. Als dieser 1859 sein Werk über Die Entstehung der Arten veröffentlichte, warf ihm Bischof Samuel Wilberforce in seiner Rezension vor, er belebe mit seiner Abstammungslehre nur die Spekulationen seines genialen Großvaters.

Da hätte man allerdings nachfragen können: Welches Großvaters denn? Denn Charles Darwin hatte gleich zwei geniale Vorfahren: Jenen weithin geschätzten Arzt Erasmus Darwin, eine der ansprechendsten Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts (1731 bis 1802), und den nicht minder eindrucksvollen Josiah Wedgwood (1730 bis 1795), der durch seine gleichnamige Porzellanmanufaktur den Rang als königlicher Keramiker, als potter to Her Majesty einnahm. Mehr noch: Beide Großväter waren als Anhänger der Französischen Revolution und der amerikanischen Unabhängigkeit, als Gegner der Sklaverei nicht nur tragende Pfeiler der liberalen bürgerlichen Moderne im frühindustriellen England. Sie waren auch Freunde, jahrzehntelang, mit allerhand Folgen.

Doch nur über einen von beiden hat Charles Darwin ein Buch geschrieben, The Life of Erasmus Darwin, das 1879 erschien. Und nicht zufällig hat er von diesem Großvater oft im Singular gesprochen, als habe er nur den einen: Denn der war durchaus eine Art konkurrierendes Männchen. Erasmus Darwin hatte schon lange vor ihm, seit den späten 1760er Jahren, durch seine Gedanken zur Abstammungsgeschichte die göttliche Schöpfung entzaubert. Nur hatte er mit der Veröffentlichung seiner Überlegungen ein Vierteljahrhundert gewartet, um keinen Ärger mit der Kirche zu bekommen und auch nicht mit seinen reichen Patienten. Von denen hing er ab. Die armen hat er umsonst behandelt.

Wer über Erasmus Darwin kein Buch, sondern bloß einen Zeitungsartikel verfasst, muss zum Stilmittel der schlichten Reihung greifen, um wenigstens ein bisschen von dem unterzubringen, was dieser Mann alles war: Er war ein Dichter, den der Romantiker Samuel Coleridge als den besten und originellsten literarischen Kopf Europas bezeichnete und an dessen poetisierter Naturlehre The Botanic Garden sich Goethe ein Vorbild nahm; er war ein landesweit angesehener Arzt, den König Georg III. gern als Leibarzt gehabt hätte; er war ein Gründer und Mitglied der Lunar Society of Birmingham, jenes legendären Clubs, heute würde man Thinktank sagen, der Naturforschung, Erfindungsgeist und Technik zusammendachte, Benjamin Franklin gehörte ihm an, James Watt und eben auch Wedgwood, jener andere spätere Großvater.

Es kommt noch viel mehr hinzu bei diesem philosopher: Erasmus Darwin war zudem ein Erfinder, der sich etwa eine Windmühle, ein Kopiergerät, einen höhenverstellbaren Kerzenanzünder und eine Wagenlenkung ausdachte; er beschrieb die Wolkenbildung und war Übersetzer der Werke des Botanikers Carl von Linné aus dem Lateinischen; er war Vater von vierzehn Kindern, die mehr oder weniger ehelich waren, Autor einer pädagogischen Schrift über Mädchenerziehung und Gründer einer Mädchenschule, deren Leitung, tatsächlich, zwei seiner unehelichen Töchter übernahmen. Ein begabter Liebhaber war der gute Mann offenbar obendrein. Und zudem also ein Entdecker der Abstammung der Arten. Zunächst durch Zufall.

Aber was für ein Zufall! Es gehört zu den schönsten Eigentümlichkeiten der Darwinschen Abstammung im familiären Sinne, dass die handelnden Personen so eng miteinander zusammenhängen, dass die Erzählung vom einen bald in die Erzählung von einem anderen übergehen will, fast mit Notwendigkeit. Und doch treibt ausgerechnet jener Zufall, der in Darwins wissenschaftlicher Abstammungslehre als Motor der historischen Veränderungen des Lebens eine so maßgebliche Rolle spielt, auch in den zwischenmenschlichen Zusammenhängen dieser Familie ein verblüffendes Spiel.

Besonders an jenem Tag, im Jahr 1767, als Josiah Wedgwood einen Zufallsfund machte. Er stieß bei den Bauarbeiten zu einem modernen Kanalsystem, das er selbst mit Erasmus Darwin im Parlament angeregt hatte (nicht zuletzt, um seine Töpferware besser transportieren zu können), auf Knochen. Auf merkwürdig alte Knochen. Er schickte sie dem naturkundigen Erasmus, aus purem Interesse, und der scherzte zunächst: Kenne ich nicht, das muss irgendein patagonischer Ochse sein.