Kein Hahn wird später nach uns krähn, / Versäumt ein Meldereiter / Nach seinem zweiten auszuspähn / Und jeder zweite weiter.

Kein Hahn wird später nach uns krähn, / Verfehlst Du Deinen dritten, / Und wagt der Dritte fortzugehn, / Eh’ sein Mann zugeritten.

Kein Hahn wird später nach uns krähn, / Zerriss bei Fünf die Kette, / Und liess der Sechste aus Versehn / Hinfallen die Stafette.

Kein Hahn wird später nach uns krähn, / O denket an das Später, / Versäumt ein Einz’ger einzustehn / für seinen Wortvertreter –

Dann wird kein Hahn mehr nach uns krähn.

Kann man schwermütiger über die Zufälle des Ruhms und die Grausamkeiten der Überlieferung schreiben, als es der Philosoph Günther Anders in diesem Gedicht tut? Einer strauchelt, und ein Werk ist verloren; die Kette der Boten reißt, und ein ganzes Ideenreich geht unter. Was nun den amerikanischen Schriftsteller Edgar Allan Poe betrifft, der vor 200 Jahren zur Welt kam, so hat man den Eindruck, dass aus dem Ideenreich dieses Toten ein unablässiger Strom der Meldegänger zu uns kommt und uns mit Stoff versorgt.

Poes Leistung ist die erzählerische Überschreitung aller Grenzen. Poe überschreitet die Grenzen des Raumes, der Zeit, der Vernunft und der menschlichen Individualität. Von seinen Überschreitungen lebt unsere Kultur bis heute; wir können hinter seine Vorstöße nicht zurück, und es ist uns unheimlich in den Freiräumen, die er erschlossen hat.

Nicht wenige seiner Erzählungen überspringen den Abgrund zwischen Dies- und Jenseits. Seine Erzählung Die Tatsachen im Fall Valdemar, eigentlich die Persiflage einer Schauergeschichte, betrifft uns heute sehr: Sie handelt von einem Sterbenden, dessen Verfall durch technische Hilfsmittel über Monate hin aufgehalten wird. Am Ende spricht der tote Valdemar zu uns von drüben – und zerfällt dann in Momenten. Eine Unterredung zwischen Eiros und Charmion spielt im Garten Eden; ein Neuankömmling (vielleicht der letzte Neuankömmling) informiert einen alteingesessenen Paradiesbewohner über die Umstände, die zum Untergang der Welt geführt haben. In Die Maske des Roten Todes wird eine ganze Gesellschaft ausgerottet, ohne dass deshalb die Erzählung an ein Ende käme – erzählt hier der Tod selbst?

"Haben wir nicht eine beständige Neigung, das Gesetz zu übertreten?"

Ist der erotisierte Tod nicht auch geheimer Erzähler von Poes großen Liebesgeschichten, Ligeia, Berenice, Das ovale Portrait – allesamt Zeugnisse inniger Verstrickungen zwischen Lebenden und Toten?

Die schwarze Seite der heutigen Kultur ist undenkbar ohne Poe. Hitchcock hat ihn geliebt, Kafka hat ihn gekannt, Borges hat seine Einbildungskraft an Poe gestärkt, Tarantino zitiert ihn. Aber wirkt Poe nicht noch viel subtiler?